Herausgeber: LWG Lausitzer Wasser GmbH & Co. KG   • Ausgabe Cottbus

Ob Schutzwälder wie dieser bei Himmelpfort für die sich verschärfenden Umweltbedingungen besser gerüstet sein werden, lässt sich schwer vorhersagen. Der Mensch jedenfalls wird nur noch als Zuschauer und Forscher „geduldet“. Fotos: SPREE-PR/Arbeit

Gesucht: Ein neues Gleichgewicht

Brandenburgs Schutzwälder liefern Wissen für den Wald der Zukunft

Wie entwickelt sich Wald, wenn der Mensch in sein Werden und Wachsen nicht eingreift? Auf welche Weise verändert sich die Vegetation, wenn abgestorbene Bäume einfach am Boden verrotten? Fragen wie diese beantworten 32 Schutzwälder im Landeswald des Landesbetriebes Forst Brandenburg. Ohne forstliche Nutzungs- und Pflegemaßnahmen entwickeln sie sich ungestört. Die WASSER ZEITUNG besuchte den 2021 gesicherten Naturwald „Woblitz“ bei Himmelpfort.

Wer im Herbst seinen Wunschzettel persönlich zum berühmten Weihnachtspostamt nach Oberhavel bringt, der fährt ganz im Norden des Landkreises durch stattliche Wälder. Rotbuchen dominieren, dazwischen stehen Fichten, Kiefern, Douglasien, wenige Eichen. Die Natur scheint intakt.

Als der Leiter der Oberförsterei Sven Oldorff 1996 hier anfing, gab es auch schon einen Waldumbau. Doch ein entscheidendes Erfolgshindernis blieb damals buchstäblich im Weg: das Wild.
„Wir setzen heute verstärkt auf natürliche Prozesse – mehr Naturverjüngung, weniger Pflanzung. Und das kriegen wir nur in den Griff, wenn wir intensiv jagen“, erläutert der Forstexperte. Für Rotwild, Rehe und Damwild sind junge saftige Triebe eine wahre Delikatesse.  Deshalb wurde der Wildbestand des Reviers deutlich abgesenkt. „Pro Jahr schießen wir bis zu 1.700 Stücke Wild auf 20.000 Hektar, vor allem in den Monaten April und Mai sowie Oktober und November. Dahinter steckt ein enormer Aufwand, die nötigen Jäger zu organisieren und deren Sicherheit – gerade bei Bewegungsjagden mit Hunden – zu gewährleisten.“ Man brauche aber waldverträgliche Bestände, betont Sven Oldorff und kann auf enorme Fortschritte verweisen.

Sven Oldorff

Wer schafft den Bruch weg?

Dank intensiver Bejagung schafft das Team deutlich mehr als 50 Prozent Naturverjüngung. Ob die Quote im neuen Schutzwald noch höher sein wird, bleibt abzuwarten. Denn wie sich die wachsenden Stressbedingungen hier und im angrenzenden Vergleichswald mit Bewirtschaftung auswirken werden, kann niemand vorhersagen. Lange Trockenphasen, der absinkende Grundwasserspiegel und heftige Stürme setzen dem Ökosystem Wald heftig zu. „Es ist schwerer geworden!“, spürt man ein Seufzen in Sven Oldorffs Stimme. „Jede Störung ist ein Problem. Wenn sie viel Sturmholz haben, brauchen sie Leute zum Beräumen. Die kriegen sie nicht, auch wegen des Fachkräftemangels überall. Da wird unsere Arbeit zum Wettlauf gegen die Zeit, denn wir müssen ja auch Holzlieferverträge erfüllen.“ 60 Leute arbeiten in der Oberförsterei, davon die Hälfte Waldarbeiter – früher waren es 80. Mehr Trockenheit und mehr Stürme durch den Klimawandel würden zu noch mehr Störungen führen.

Mehr Laub, weniger Nadeln

Um Wälder resilienter gegen den Klimawandel zu machen, müssen zukünftig mehrere Baumarten, insbesondere heimische Laubbaumarten, auf einer Fläche wachsen. Gerade die riesigen, aus dem Wald herausragenden Fichten. ­ „Die gehören hier einfach nicht hin!“, Douglasien und Lärchen fallen ver-stärkt um. „Ich hoffe, dass sich das Kronendach im Naturwald langsam öffnet und durch verstärkt einfallendes Licht neue Strukturen für Tiere und Pflanzen am Waldboden entstehen“, versucht Sven Oldorff eine Prognose für das nun unberührte Wildnisgebiet in seinem Naturwald Woblitz. „Ein horizontal und vertikal gestufter Wald könnte ein neues Gleichgewicht herstellen.“

Naturwälder werden langfristig wissenschaftlich begleitet. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die waldbauliche Praxis ein, damit diese Lebensräume weiterhin Wasser filtern und speichern, die Luft reinigen und den Boden schützen können. „Und übrigens“, gibt Oberförster Oldorff noch einen Tipp mit auf den Weg: „Aufs Grundstück eher Laub- statt Nadelbäume setzen und genügend Abstand zu Gebäuden lassen! Laubbäume verdunsten im Winter deutlich weniger Wasser und tragen somit zu einer verbesserten Grundwasserneubildung bei.“

Zahlen & Fakten

Im Land Brandenburg gibt es 1,1 Mio. ha Waldfläche. 270.000 ha liegen in öffentlicher Verantwortung, 61 % werden privat bewirtschaftet. 10 % des Landeswaldes sollen mittelfristig stillgelegt werden. Nahezu ein Viertel der märkischen Waldfläche (22 % laut Waldzustandsbericht 2021) zeigt deutliche Schäden. Das Gebiet der Oberförsterei Steinförde umfasst 22.000 ha. Das Revier Bredereiche ist 1.600 ha groß. Zurzeit stehen in der Oberförsterei 1.000 ha Wald unter Schutz und werden nicht bewirtschaftet.