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Jubiläum

35 Jahre WAV – ein Tischgespräch

Drei Geschäftsführer, drei Jahrzehnte – und eine gemeinsame Geschichte. Beim Jubiläum des Wasser- und Abwasserverbandes Rathenow blicken der erste technische Geschäftsführer Jürgen Wandke, sein Nachfolger Roland Lange und der heutige Geschäftsführer Björn Jelinski auf die Anfänge und die Entwicklung des WAV Rathenow zurück.

Reger Austausch der WAV-Geschäftsführer: (v. l.) Roland Lange, Jürgen Wandke, Björn Jelinski.
Foto: Spree-PR/Gückel

Herr Wandke, wie war die Lage 1991, als Sie begonnen haben?

Jürgen Wandke: Ehrlich gesagt: schwierig. Von 47 Gemeinden hatten 45 keine öffentliche Abwasserentsorgung, 25 keine zentrale Trinkwasserversorgung. Außer in Rathenow und Premnitz war da kaum etwas. Und selbst dort existierte nur eine mechanische Abwasserreinigung. Wir mussten fast bei null anfangen.

Gleichzeitig gab es große Pläne.

Jürgen Wandke: Ja, ein Entwicklungskonzept mit einer neuen Kläranlage auf der grünen Wiese war ursprünglich der Plan. Das klang gut, wäre aber in der geplanten Anlage viel zu teuer geworden aufgrund der Ausbaugröße. Wir haben die Planung gekippt und stattdessen die alte Kläranlage Rathenow-Nord saniert und erweitert, im laufenden Betrieb. Vorher lief das Abwasser nach mechanischer Behandlung im Wesentlichen in die Havel. Wir haben zunächst eine provisorische biologische Stufe eingebaut, um die Abwasserabgabe schnell zu senken. Das hat uns Zeit und Geld verschafft.

Björn Jelinski: Und Schulden vermieden. Wenn man bedenkt, wie sich die Region entwickelt hat, war das goldrichtig.

Jürgen Wandke: Absolut. Der wirtschaftliche Aufschwung blieb aus, die Bevölkerung nahm ab. Wir hätten die Kapazitäten einer riesigen Neuanlage nie gebraucht. 1994 war die Kommunalisierung abgeschlossen, 1995 hatten wir die öffentliche Abwasserentsorgung flächendeckend gesichert, 1996 die letzte Gemeinde ans Trinkwassernetz angeschlossen. Das waren echte Meilensteine.

Herr Jelinski, Sie sprechen die Entwicklung der Region an. Welche Rolle spielte der Abzug der Sowjetarmee?

Björn Jelinski: Eine große. Bis 1992/93 ging enorm viel Wasser in ihre Liegenschaften, teilweise 10.000 bis 12.000 Kubikmeter täglich. Mit dem Truppenabzug brach der Verbrauch massiv ein. Gleichzeitig hinterließen die Standorte Altlasten, die das Grundwasser belasteten. Das war ein Risiko für das Wasserwerk Rathenow.

Jürgen Wandke: Und es hat Kraft gekostet, das in den Griff zu bekommen. Wichtig war auch, dass wir das Personal des früheren VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung übernommen haben. So blieb das Know-how im Haus. Wir konnten selbst planen und betreiben, unabhängig von Dritten.

Herr Lange, 2004 haben Sie als Geschäftsführer übernommen. Was war Ihre größte Aufgabe?

Roland Lange: Stabilität. Die großen Aufbauleistungen waren erbracht. Aber wir verloren jedes Jahr über 1.000 Einwohner. Weniger Wasserverkauf heißt weniger Einnahmen, bei fast gleichen Fixkosten. Trotzdem wollten wir Beiträge und Gebühren konstant halten.

Wie ist das gelungen?

Roland Lange: Wir haben Anlagen überprüft, fünf Wasserwerke und mehrere Übergangskläranlagen stillgelegt, effizientere Technik eingesetzt, Tourenpläne optimiert. Ich musste Personal reduzieren, von 74 auf 62 Stellen.

Und wir haben jede Ausgabe hinterfragt. Selbst die Mehrwertsteuererhöhung haben wir abgefedert. Große Projekte wie die Landesgartenschau 2006 und die BUGA 2015 erforderten zusätzliche Investitionen, brachten uns dank intensiver Gespräche aber auch Fördermittel.

Björn Jelinski: Das Thema Altanschließer fiel auch in Ihre Zeit.

Roland Lange: Oh ja, das war nervenaufreibend. Viele Verbände haben Beiträge erhoben, doch später erklärte das Bundesverfassungsgericht sie für verfassungswidrig. Wir sind nicht vorgeprescht. Ich hatte kein gutes Bauchgefühl. Andere Verbände mussten am Ende zurückzahlen, wir nicht.

Björn Jelinski: Das war eine sehr gute Entscheidung. Sonst würden wir uns heute noch damit beschäftigen.

Es ging auch um Vertrauen?

Jürgen Wandke: Auf jeden Fall. Nach der Wende mussten wir erklären, warum Wasser nicht mehr 25 DDR-Pfennig kostet, sondern kostendeckend kalkuliert wird.

Roland Lange: Wir sind in Einwohnerversammlungen gegangen, oft mit 200 Leuten im Saal. Und wir haben immer alle gleichbehandelt und gleiche Beiträge bei gleicher Grundstücksgröße erhoben – egal ob in Rathenow oder im kleinsten Ortsteil. Das hat Akzeptanz geschaffen.

Es soll sogar mal eine Delegation aus China gekommen sein, um von Ihnen zu lernen?

Roland Lange: Ja, 2006. Die Chinesen wollten wissen, wie kommunale Wasserwirtschaft funktioniert, öffentlich oder privat organisiert. Sie waren beeindruckt von unseren Anlagen, wie sauber und modern alles ist. Nach den Vorträgen waren wir in einem chinesischen Restaurant essen. Hinterher sagten sie schmunzelnd: „Das ist aber kein chinesisches Essen.“

Herr Jelinski, was waren seit Ihrer Zeit die größten Herausforderungen für den WAV?

Björn Jelinski: Der Generationswechsel war mein erstes großes Thema. Vier Bereichsleiter gingen innerhalb kürzester Zeit in Ruhestand. Wir haben in den letzten fünf Jahren aufgrund der Altersstruktur rund 25 neue Mitarbeiter eingestellt und das vorhandene Wissen systematisch dokumentiert, um es dann den neuen Mitarbeitern so gut es ging zur Verfügung zu stellen.

Digitalisierung ist ebenfalls wichtig, da sind wir auch vorangekommen, von der Betriebsführungssoftware bis zu digitalen Serviceangeboten. Gleichzeitig steigen Energiepreise, Personalkosten und Anforderungen an die Sicherheit kritischer Infrastruktur.

Und wie gestalten Sie die Gebühren für Ihre Kund:innen?

Björn Jelinski: Wir kalkulieren alle zwei Jahre neu. Manchmal müssen wir anpassen, manchmal können wir auch senken – wie zuletzt bei der leitungsgebundenen Schmutzwassergebühr. Unser Ziel bleibt: Wirtschaftlich handeln und die Belastung für die Bürger so moderat wie möglich halten.

Wenn Sie alle auf 35 Jahre zurückblicken, was macht den Verband aus?

Jürgen Wandke: Mut zu eigenen Entscheidungen zu haben.

Roland Lange: Augenmaß, Fachkenntnis und Weitblick bei Investitionen in die Zukunft.
Björn Jelinski: Verantwortung für die nächste Generation.

Vielen Dank für das Gespräch!