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Wassergeschichte

Wie Rathenow endlich ans Trinkwasser kam

Alles begann ganz unspektakulär mit einer Postkarte. Am 16. März 1895 warf der Rathenower Ratsbote eine solche an den Berliner Ingenieur Smreker in den Briefkasten und gab damit den Startschuss für die städtische Wasserversorgung von Rathenow.

Die Große Burgstraße in Rathenow um 1900.
Foto: WAV Rathenow

Der angeschriebene Ingenieur aus der Hauptstadt bedankte sich artig beim „hochwohlgeborenen“ Bürgermeister Lange und kündigte seinen Besuch an. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er einen Vertrag in der Tasche hatte. Der Kontrakt wurde erst im September 1900 abgeschlossen, aber er ließ dem Ingenieur immerhin fast freie Hand. Nur mit dem Stadtbaumeister sollte er sich bitte nicht anlegen. So beschreibt der Heimatchronist Erich Schauerhammer im Jahr 1959 den Beginn des epochalen Ereignisses für die brandenburgische Kleinstadt in einem Bericht.

Die Firma Smreker, die für die Durchführung der Probearbeiten, Planung und Bauaufsicht 30.000 Mark in Rechnung stellte, nahm ihre Aufgabe sehr ernst. Bevor auch nur ein Rohr verlegt wurde, bohrte sie gewissenhaft im Boden, um herauszufinden, wo und wie das Grundwasser floss.

Fachkräftemangel anno 1901

Ganz nebenbei mischte sich der Berliner Firmenchef auch in Personalfragen, inklusive Entlohnung, ein. Er schlug dem Rat der Stadt vor, dass das Baubüro u. a. Zeichner und einen Buchhalter einstellen solle, letzteren zum Monatsgehalt von mindestens 150 Mark, „weil unter dem keine zuverlässige Kraft zu gewinnen“ sei. Fachkräfte waren schon 1901 nicht billig zu haben.

Während geplant und gerechnet wurde, verfolgten Rathenows Handwerker das Geschehen mit wachsamen Augen, denn der Stadtrat neigte dazu, Aufträge lieber an auswärtige Firmen zu vergeben. Als schließlich eine Anleihe über stolze 675.000 Mark genehmigt wurde, begann das große Ringen um Aufträge.

Das Wasserwerk in Rathenow um 1900.
Foto: WAV Rathenow

Ein Zeitungsbericht von 1901 machte auf öligen Geschmack im Leitungswasser eines anderen Versorgers aufmerksam. Ursache war falsch behandeltes Dichtmaterial. Da dieselbe Firma auch in Rathenow tätig war, ließ die Stadt sofort prüfen, ob dort ebenfalls Probleme bestehen könnten. Die Untersuchungen brachten jedoch rasch Entwarnung: In Rathenow wurde vorschriftsgemäß und mit einwandfreiem Material gearbeitet.

1902 war es dann so weit. Die Wasserleitung ging in Betrieb, die parallel geschaffene Stadtentwässerung funktionierte auch, und die Bürger freuten sich. Auch weil das Leitungswasser zunächst sogar kostenlos blieb. Erst ab Oktober musste bezahlt werden, ein cleverer Anreiz zum Anschließen. Dennoch blieben viele Bürger zurückhaltend, denn Brunnenwasser kostete ja weiterhin nichts, anders als das Leitungswasser. Die Pumpen zur damaligen Zeit wurden mit Dampfmaschinen betrieben. So liefen sie im Wasserwerk Rathenow nur stundenweise. Nachts herrschte Ruhe. Die höchste Tagesförderung betrug 579 Kubikmeter, die Monatsförderung 6.587 Kubikmeter bei einem Kohlenverbrauch von 4.388 Kilogramm.

Mit der Stadt wuchs auch der Wasserbedarf. So stieg die monatliche Förderung im Jahr 1928 auf 64.520 Kubikmeter. Daraufhin mussten neue Verbund-Dampfmaschinen eingesetzt, Brunnen neu gebohrt und Leitungen erweitert werden. Große Umbauten scheiterten jedoch an Geldmangel; erst in der Weimarer Republik, dann im „Dritten Reich“, wo Mittel lieber in die Kriegsvorbereitung flossen. Der Krieg machte schließlich alle Pläne zunichte.

Improvisation gefragt

Dass die Wasserversorgung dennoch funktionierte, war der Improvisationskunst der Beschäftigten zu verdanken. Nach 1945 begann eine neue Ära der lokalen Wasserversorgung – mit elektrisch betriebenen Pumpen, steigendem Verbrauch und Rekordfördermengen. Und immer wieder zeigte sich, wie weitsichtig der Ingenieur Smreker einst geplant hatte. Standort, Größe und der Umfang des Rohrnetzes waren so klug gewählt, dass das Wasserwerk bis weit ins 20. Jahrhundert hinein arbeitsfähig blieb. In der DDR machte man sich Anfang der 1960er Jahre an die Modernisierung des Wasserwerks, dessen Geschichte einst mit einer kleinen Postkarte begann, die von Rathenow nach Berlin ging.