Hauruck für die Gemeinschaft
Kerstin Werner möchte etwas bewegen. Für ihre Gemeinde und die Menschen, die hier leben. Ihr Motto: Lieber selbst anpacken, als nur zusehen. Auch deshalb wollte sie Bürgermeisterin werden. Ein Ortsbesuch in Dargen.
Kerstin Werner ist eine von zwei Frauen auf Usedom, die ehrenamtlich eine Gemeinde leiten. Einer ihrer Lieblingsorte ist das Windschöpfrad in Kachlin. „Wenn ich hier sitze und in die Landschaft schaue, kann ich gut abschalten.“ Foto: SPREE-PR/Kuska
Das alte Häuschen an der Bushaltestelle in Görke strahlt auffallend Grün. Den frischen Anstrich trägt es nicht, weil die Gemeinde dafür Geld ausgeben konnte. Sondern weil die Menschen im Ort selbst Hand angelegt haben. Für Kers-tin Werner ist es ein Beispiel dafür, was Dargen ausmacht: großer Zusammenhalt. „Muss etwas gemacht werden, warten die Leute nicht darauf, dass irgendwer schon anpackt. Da, wo es möglich ist, packen sie einfach selbst an.“ Demnächst auch in Bossin. Auf einer der Straßen soll das Rasengitter neu verlegt werden. Der Hausmeisterservice hat schon angefangen. „Auch hier machen nun Einwohner mit.“
Ein Ort, der die Gemeinde verbindet, ist die Gaststätte Niemann, sagt Kerstin Werner. Seit 1935 ist sie in Familienbesitz. Die Zeit als Gaststätte ist vorbei. Inhaberin Ilona Weist öffnet die Räume aber für Familienfeiern, Yogastunden, den Adventsmarkt (28. November) – und sonntags zum Frühshoppen. Foto: SPREE PR/Kuska
Wenig Spielraum für Investitionen
Die Gemeinde Dargen – das sind 460 Einwohner, verteilt auf sieben Ortsteile: Bossin, Dargen, Görke, Kachlin, Katschow, Neverow und Prätenow. „Nur wenige Gemeinden auf Usedom haben sieben oder mehr Ortsteile.“ Viele Ortsteile bedeuten auch: viele Straßen und Wege, die unterhalten werden müssen. Das Problem dabei ist schnell beschrieben: das Geld. „Wir sind eine der finanzschwächsten Gemeinden auf der Insel. Für größere Investitionen bleibt wenig Spielraum.“ Daran würden auch die 50.000 Euro nichts ändern, die jede Gemeinde in MV kürzlich aus dem Sondervermögen des Bundes erhalten habe. „Das ist für eine kleine Gemeinde viel Geld. Die vielen Bedingungen dazu schränken seine Verwendung jedoch stark ein.“
Weil das eigene Budget kaum Luft lässt, sind Fördermittel ein wichtiger Baustein für Investitionen. „Ohne sie könnten wir vieles gar nicht machen.“ Mit ihrer Hilfe konnte die Gemeinde zum Beispiel Löschwasserbrunnen in Görke, Dargen, Neverow und Katschow errichten oder Spielplätze in Bossin, Görke und Dargen erneuern. Woher die Gemeinde weiß, ob es für ein Vorhaben Fördermittel gibt? „Hier werden wir sehr, sehr gut vom Amt Usedom Süd unterstützt.“
Das Wir zählt
Wenn die Bürgermeisterin über ihre Gemeinde spricht, dann stehen vor allem Menschen im Mittelpunkt: Menschen, die sich in der Feuerwehr oder im Hafenverein engagieren. Attraktionen wie das DDR-Museum oder Wisentgehege am Laufen halten. Menschen, die mit ihren Betrieben einen Wirtschaftsfaktor in die Gemeinde bringen. Dorffeste auf die Beine stellen. Oder – wie Gaststätteninhaberin Ilona Weist – der Gemeinschaft einen Raum geben. Nicht zu vergessen: Schwester Lilli. „Jeder hier kannte sie. Früher war sie Gemeindeschwester. Später gründete sie den DRK-Ortsverein Dargen, den sie noch bis 2021 leitete.“ Im August ist sie mit 96 Jahren gestorben.
Ihre Gemeinde kennt Kerstin Werner bis in den kleinsten Winkel. Die 61-Jährige wuchs in Görke auf, kehrte nach Zwischenstationen in Greifswald und Bansin Anfang der 1990er hierher zurück. Seit 2009 sitzt sie in der Gemeindevertretung, viele Jahre davon als erste oder zweite Stellvertreterin des Bürgermeisters. Als Detlef Wenzel 2024 nicht wieder kandidierte, stellte sie sich selbst zur Wahl. Rund 90 Prozent der Wähler stimmten für sie.
Mitreden, mitnehmen, mitgestalten
Kerstin Werners Anspruch als Bürgermeisterin: Alle mitzunehmen und auf Augenhöhe zu arbeiten. Das bedeute, ansprechbar zu sein, zuzuhören, zu vermitteln – und auch auszuhalten, dass nicht jeder mit jeder Entscheidung einverstanden ist. Das sei manchmal gar nicht so einfach und erfordere zu Hause viel Rückhalt. „Dafür bin ich meinem Mann sehr dankbar!“
Als „Politikerin“ sieht sie sich ausdrücklich nicht. „Ich möchte einfach nur etwas erreichen für die Gemeinde.“ Zum Beispiel, dass der Tourismus „sanft“ bleibt. Wenn ein Haus den Eigentümer wechselt, soll es nicht die nächste Ferienunterkunft werden, sondern Wohnraum bleiben.
Wenn sie für die Gemeinde einen Wunsch frei hätte, dann wäre das Tempo 50 für Görke. „Dafür machen wir uns seit Langem stark.“ Bislang vergeblich. „Für viele Kinder führt der Schulweg über die B 110. Tempo 70 ist da einfach viel zu schnell.“ Schön fände sie auch eine bessere Kommunikation zwischen Gemeinde und Kreis. Als Beispiel verwies sie auf die neue Haltestelle in Görke oder den Buswendeplatz in Katschow. „Vieles ließe sich einfacher lösen, wenn diejenigen, die vor Ort leben, in Planungen besser einbezogen würden.“ Ein Wunsch, der nicht viel Geld kostet …




