Schönes Sachsen-Anhalt
Von historischen Mauern, grünen Bode-Ufern, und einem Mathematiker, der sich ordentlich vertan hatte
Sachsen-Anhalt – deine Schätze, so heißt unsere Serie, in der wir beeindruckende Bauwerke, spannende Geschichten und erholsame Natur aus Sachsen-Anhalt vorstellen. Der WAZV „Bode-Wipper“ mit Sitz in Staßfurt lädt zu einer Tour von Hecklingen nach Hohenerxleben ein. Aus dem Verbandsgebiet des WAZV „Elbe-Elster-Jessen“ berichten wir von einer kuriosen Begebenheit zwischen Glaube und Arithmetik, die einst das Städtchen Annaburg und die Region im 16. Jahrhundert ins Chaos stürzte.
Kultur und Natur im Sucher: Fotograf Holger Petsch auf Entdeckungstour rund um Staßfurt
Redakteur Sven Gückel erklärt, womit Pfarrer Michael Stifel in Annaburg, einst Lochau, für Aufregung sorgte
Die Geschichte beweist, dass Genie und Wahn mitunter eng beieinander liegen. Viele kennen Persönlichkeiten wie Mozart, Ludwig der XIV. oder Friedrich Nietzsche. Weniger bekannt hingegen ist Pfarrer Michael Stifel, der von 1487 bis 1567 lebte. Zeit seines Wirkens für die Kirche stand Michael Stifel unter der schützenden Hand Martin Luthers. So sorgte der Reformator unter anderem dafür, dass Stifel der erste evangelische Prediger in Österreich wurde. Später vermittelte er ihm eine Stelle als Pfarrer in Lochau, das seit 1571 Annaburg heißt. Was Luther seinem Schützling allerdings nicht versagen konnte, war dessen Liebe zur Mathematik.
Grundsätzlich sprach nichts gegen das Rechnen – Stifel jedoch reichte das nicht. Er war ein Verfechter der Apokalypse samt der Wiederkehr Christi. Von diesem Gedanken angetrieben, bestimmte er den 19. Oktober 1533 um acht Uhr morgens als den Tag des Weltuntergangs – trotz eindringlicher Mahnung Luthers, davon abzulassen. Anders als manche historischen Quellen behaupten, beruhte dieses Datum jedoch nicht auf einer Berechnung „anhand der Bibel“, sondern auf einer von ihm erlebten Eingebung. Stifels christliche Gemeindemitglieder nahmen dessen Wort natürlich ernst. Sie verkauften Hab und Gut, gaben dem Schankwirt ihr letztes Erspartes und warteten, versammelt auf dem Marktplatz des Ortes, auf die Dinge, die da kommen sollten. Was allerdings geschah – war nichts. Um Stifel vor dem nun wütenden Mob zu schützen, ließ Luther ihn in Schutzhaft nehmen und nach Wittenberg bringen. Als sich die Wogen wieder geglättet hatten, schickte Martin Luther Stifel nach Holzdorf, einem Dorf unweit des heutigen Annaburgs, um die dortige Pfarrstelle zu besetzen.
Manch’ Geschichte würde hier enden. Die des Michael Stifel bietet aber noch reichlich Raum zur Wiedergutmachung seines verbreiteten Irrglaubens. Denn mittlerweile hatten sich seine durchaus wahren Fähigkeiten als Mathematiker herumgesprochen, was ihm den Ruf nach Jena einbrachte, wo er 1559 der erste Professor für Mathematik an der hiesigen Universität wurde. Fortan widmete sich der Rechenkünstler wirklich wichtigen Aufgaben. Unter anderem sorgte er mit zahlreichen von ihm verfassten Schriften für die Verbreitung der Plus- und Minuszeichen sowie des Wurzelzeichens. Darüber hinaus machte er das algebraisch-algorithmische Rechnen in Deutschland populär, legte den Grundstein für das logarithmische Rechnen, untersuchte irrationale Zahlen und nahm sich des Berechnens von Wurzeln höheren Grades an. Letztendlich ist Michael Stifel zwar einmal kurz gestolpert, sein Gesamtwirken aber hat der Welt viel Gutes hinterlassen. Ihm zu Ehren sind deshalb heute das Zentrum für Daten- und Simulationswissenschaften der Uni Jena sowie seit 2017 die Grundschule in Annaburg nach ihm benannt.







