„Das Geld liegt im Boden“
Die Wasserinfrastruktur braucht neue Investitionsstrategien
Wasserversorgung und Abwasserentsorgung funktionieren in Deutschland zuverlässig. Damit das so bleibt, nahmen 54 Wasserunternehmen aus sieben Bundesländern am Projekt „Investitionsstrategie zur Zukunftsfähigkeit der Wasserwirtschaft“ teil. Die Ergebnisse lassen aufhorchen. Die KOWA MV und die Landesgruppe Nord des BDEW nehmen die Ergebnisse ernst. Die WASSERZEITUNG sprach mit David Schacht, Geschäftsführer des WasserZweckVerbandes Malchin Stavenhagen.


Schon jetzt ein aufwändiges Unterfangen – die Erneuerung der unterirdischen Leitungen. Künftig muss noch deutlich mehr investiert werden, um die Substanz nachhaltig zu erhalten. Foto: WZV Malchin Stavenhagen

David Schacht, Vorsitzender der Wasserwirtschaft MV im BDEW Foto: SPREE-PR/Galda
Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit den Investitionen in die Infrastruktur?
Weil viele Leitungs- und Kanalnetze aus den 1960er- bis 1990er-Jahren stammen und absehbar ihre technische Standardnutzungsdauer erreichen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Umwelt- und Gewässerschutz, Klimaanpassung und Extremereignisse sowie steigende Bau- und Finanzierungskosten. Diese Entwicklungen treffen auf begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen – der Druck auf Aufgabenträger und politische Gremien wächst, langfristige Investitionsstrategien zu entwickeln.
Was bedeuten langfristigen Strategien für die Wasserwirtschaft?
Investitionen dürfen sich nicht nur am kurzfristigen Bedarf orientieren. Ziel ist eine nachhaltige Substanzerhaltung über Jahrzehnte. Rohrleitungs- und Kanalnetze haben sehr lange Lebenszyklen. Werden Erneuerungen zu lange verschoben, steigen technische Risiken und spätere Kosten deutlich. Investitionsstrategien müssen daher weit über übliche fünfjährige Wirtschaftsplanungen hinausreichen.
Welche Rolle spielen die Leitungsnetze dabei?
Eine zentrale. Der größte Teil des Vermögens der Wasserwirtschaft in Deutschland liegt im Untergrund. In der Wasserversorgung entfallen rund 91 Prozent des Anlagevermögens auf Rohrleitungsnetze – etwa 29,6 Milliarden Euro von 32,4 Milliarden Euro. Auch in der Abwasserbeseitigung liegen rund 75 Prozent der Wiederbeschaffungswerte im Kanalnetz. Ihr Zustand bestimmt daher maßgeblich die langfristige Stabilität der Infrastruktur.
Wie wurden die zukünftigen Entwicklungen untersucht?
Im Projekt „Investitionsstrategie zur Zukunftsfähigkeit der Wasserwirtschaft” (2024) stellten 54 Wasserversorgungs- und 21 Abwasserunternehmen Daten bereit. Analysiert wurden Altersstrukturen, Wiederbeschaffungswerte und technische Nutzungsdauern. Darauf basierend wurden Investitionsstrategien über mehrere Jahrzehnte simuliert – ein „weiter wie bisher” und ein Szenario mit schrittweiser Anpassung an nachhaltigen Substanzerhalt bis 2050.
Zu welchen Ergebnissen kommt die Analyse?
Der Anteil von Infrastruktur in kritischem Zustand wird in den kommenden Jahrzehnten steigen – selbst bei höheren Investitionen. Heute liegen die durchschnittlichen Erneuerungsraten bei etwa 0,4 Prozent pro Jahr. Rechnerisch entspräche das Nutzungsdauern von rund 247 Jahren für Rohrleitungsnetze und 244 Jahren für Kanalnetze. Das zeigt, dass das derzeitige Investitionsniveau langfristig nicht ausreicht.

Was wäre stattdessen notwendig?
Um realistische Nutzungsdauern zu erreichen, müssten die Erneuerungsraten deutlich steigen – auf etwa 1,2 Prozent bei Rohrleitungsnetzen und 1,3 Prozent bei Kanalnetzen. Das bedeutet einen Strategiewechsel: weg von überwiegend schadensgetriebener Instandhaltung hin zu einem planmäßigen, kontinuierlichen Substanzerhalt.
Welche Auswirkungen hätte das auf die Gebühren für Verbraucherinnen und Verbraucher?
Höhere Investitionen führen langfristig zu steigenden Entgelten. Wichtig ist aber: Diese Entwicklung ist kein Zeichen ineffizienter Strukturen, sondern Ausdruck einer realistischen Anpassung an die technischen Anforderungen der Infrastruktur.
Was ist die wichtigste Botschaft des Projekts?
Kontinuierliche Investitionen sind entscheidend. Werden Erneuerungen aufgeschoben, entstehen später deutlich größere technische und finanzielle Belastungen – eine Art „Generationenschuld”. Nachhaltige Wasserinfrastruktur bedeutet, Investitionen frühzeitig zu verstetigen und die Versorgung langfristig zu sichern. Die Politik ist hier gefordert, für geeignete Rahmenbedingungen und unterstützende Instrumente zu sorgen.

