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GESICHTER DER WASSERWIRTSCHAFT

„Der Perschke war schon immer da“

Hans-Peter Perschke ist zu einer Symbolfigur für die erfolgreiche lokale Energiewende in Ostthüringen geworden. Seit langer Zeit ist er aber auch eine feste Größe in der Wasserwirtschaft und in der kommunalen Politik. Mit ihm startet die WASSERZEITUNG die Interview-Reihe „Gesichter der Wasserwirtschaft“.

Hans-Peter Perschke: Bürgermeister, Verbandsvorsitzender, Umweltpreisträger und Energiebündel. Foto: SPREE-PR/Wolf

Herr Perschke, Sie sind Lehrer für Russisch und Geschichte. Bevor Sie auf die Idee kommen, mich abzufragen, könnten wir bitte gleich zum Thema Wasser übergehen?

Ja, in Ordnung. Ich bin aber nicht nur Lehrer, sondern auch Verwaltungsfachwirt. Diese Ausbildung, ein Angebot der Thüringer Verwaltungsschule, hatte ich mir nach der Wende gegönnt, nachdem ich hier in Schlöben 1990 Bürgermeister wurde. Das war nötig, denn Verwaltungsarbeit auf bundesdeutscher Basis war für mich absolutes Neuland.

Sie stammen aus Brandenburg, nach einem Zwischenstopp in Moskau gingen Sie nach Thüringen. Wie kam das?

Ich bin im jetzigen Märkisch-Oderland geboren und habe nach dem Studium in meiner Heimat als Lehrer gearbeitet. 1985 durfte ich durch Glücksumstände zu einer Weiterbildung nach Moskau, übrigens als einziger Nicht-Genosse. Die Perestroika live zu erleben, hat mich tief geprägt. Nicht nur ob des Umstands bei einem weltverändernden historischem Ereignis dabei gewesen zu sein, sondern die Reaktion zu Hause darauf. Mein neues wurde unmittelbar danach der Liebe wegen das kleine, damals wenig beschauliche Schlöben in Ostthüringen. In dem ehemaligen Gutsdorf und dann politischen und landwirtschaftlichen Zentrum unterrichtete ich an der Polytechnischen Oberschule.

Allerdings kamen Ideen zum gesellschaftlichen Wandel nicht gut an.

Sie waren ein Rebell?

Ich war schon immer ein politischer Mensch und hatte mich sowohl innerhalb als auch außerhalb der politischen Ordnung gesellschaftlich engagiert.

So war es nicht verwunderlich, dass ich auf Dauer keine Duldung auf meiner Arbeit hatte und letztendlich in ein Kinderheim versetzt wurde.

Mit der Wende ergab sich für mich die Chance doch noch den Wandel zu gestalten und so kandidierte ich 1990 für den Gemeinderat und wurde von diesem zum Bürgermeister gewählt.

Amtsmüde? Keine Spur! Hans-Peter Perschke hat viele neue Projekte in der Planung. Foto: SPREE-PR/Wolf

Zwei Jahre später, 1992, sind Sie Verbandsvorsitzender des ZWA „Thüringer Holzland” geworden. Wie kamen Sie zum Wasser?

Für mich als Bürgermeister hatte das Wasser oberste Priorität. Immer wieder waren in Schlöben Wasserrohre gebrochen. Die Leitungen waren aus dem Jahre 1904 und der Wasserdruck war viel zu niedrig. 1990/91 haben wir angefangen, neue Trink-und Abwasserleitungen zu verlegen und die Orte zentral zu entsorgen. Beim ZWA war ich erst als stellvertretender Vorsitzender, dann ab 1992 Vorsitzender und bin es bis heute geblieben. 1992 war voller Veränderungen. Die Strukturen der Zweckverbände wurden neu geschaffen, es ging um die Entflechtung aus der Privatwirtschaft, den Umgang mit Konzernen, um Personalaufbau. Keine leichte Zeit.

Was sind Ihre Aufgaben beim ZWA „Thüringer Holzland”?

Ich bin zuständig für die gesamte Verbandsarbeit, für die Ausschussarbeit und für die Verbandsversammlung. Ich vertrete den ZWA nach außen und bin in den Gremien, in denen der Zweckverband aktiv ist, zum Beispiel im KKT, dem Zweckverband zur kommunalen Klärschlammverwertung Thüringen. Wichtig ist mir, immer präsent zu sein.

Bürgermeister, Verbandsvorsitzender, Mitglied in Gremien, Ausschüssen und Vereinen… Was ist Ihr Antrieb?

Alle meine Ämter sind ehrenamtlich und alles hängt miteinander zusammen. In erster Linie bin ich Dorfbürgermeister. Wenn man aber einem Verband seit seiner Gründung vorsteht, mit seiner Geschichte fest verwoben ist, fühlt es sich an wie ein Kind, dass man nicht gern loslässt. Bei meiner Arbeit für den ZWA gab von außen anfangs eine Menge Anfeindungen, Kritik und Gewaltandrohungen, als das Wasser plötzlich Geld kostete. Es war eine raue Umbruchszeit und die Zeiten sind immer noch rau, aber alles, was ich tue, kommt auch unserem Dorf Schlöben zugute. Die Teamarbeit beim ZWA gibt mir viel Energie. Mir ist es wichtig, an Gesetzgebungen mitzuwirken, sich auch im Landtag hinzustellen und zu sagen: Nein. Man darf widerständisch sein gegenüber politischen Entscheidungen.

„Kinder, was soll nur werden?” Diese Frage stellen Sie gern. Sind die Zeiten in der Wasserwirtschaft so schlecht?

Die Themen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in unserer kleingliedrigen Region waren schon immer ein schwieriges Feld. Und sie bleiben präsent, denn wir stehen vor großen Herausforderungen, wie den Klimafolgenanpassungen, aber auch der demografischen Entwicklung. Auf all das blicke ich mit dem nötigen Optimismus, dass wir alles gut hinbekommen. Nicht nur für die Wasserwirtschaft, sondern auch für die kommunale Entwicklung heißt mein Credo: interkommunale Zusammenarbeit. Es geht um gemeinsames Nachdenken über die Dorf- und Verbandsgrenzen hinaus, um nachhaltige Projekte, die enkeltauglich sind.

Ist das Bioenergiedorf Ihr Lebenswerk?

Die Arbeit am Bioenergiedorf Schlöben und die Gründung der Energiegenossenschaft sind für mich ein erfüllendes Werk. Dabei waren die Erfahrungen aus meinem Amt als Verbandsvorsitzender seit 1992 sehr hilfreich. Ich freue mich, es geschafft zu haben, so viele Leute aus der Gemeinde bei den Projekten mitzunehmen und dass wir eine großartige Kooperation mit der Landwirtschaft haben. Wir waren gemeinsam erfolgreich, wir haben trotz aller Widerstände ein Alleinstellungsmerkmal und eine Identität geschaffen. Uns „Schlöbis” kennt man!

Fühlen Sie sich als Thüringer?

Ja. Ich bin ja nun schon lange hier. Obwohl Anfang der neunziger Jahre die Zuordnung für manch einen auch in Erfurt aufgrund des Restdialekts nicht ganz klar war. Manchmal durchaus hilfreich. Zu meinem 65. Geburtstag hat mich mein Gemeinderat schon zu Lebzeiten zum Ehrenbürger ernannt. Das heißt: man ist Thüringer.

Einer meiner Lieblingssätze vom Thüringer Innenminister: „Der Perschke war schon immer da!”

Das Gespräch führte WASSERZEITUNG-Redakteurin Ulrike Wolf.

Hans-Peter Perschke

Hans-Peter Perschke

geboren 1955 in Bad Freienwalde

diplomierter Lehrer für Russisch und Geschichte,

Verwaltungsfachwirt, seit 1994 freiberuflich tätig


seit 1990 Bürgermeister der Gemeinde Schlöben
seit 1992 Vorsitzender des ZWA „Thüringer Holzland”
1992 Preisträger des Umweltpreises des Landkreises Stadtroda
seit 2016 Mitglied des Beirats zur nachhaltigen Entwicklung Thüringens
2012 wurde Schlöben Bioenergiedorf
www.bioenergiedorf.schloeben.eu