Sachsen-Anhalt
„Ich kann vom Wasser nicht genug bekommen“
Rainer Mellies ist echter Ostfriese und der neue Präsident des Wasserverbandstages Bremen, Niedersachen und Sachsen-Anhalt. Ein Gespräch über viele Termine, die Kraft des Wassers und den Ostfriesentee. Und über die Biotonne.

Rainer Mellies ist neuer Präsident des Wasserverbandstages e. V. Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt.
Foto: WVT
Herr Mellies, Wasserwirtschaftler aus Sachsen-Anhalt sagten mir, mit Ihnen wäre ein lockeres Interview möglich.
Das wollen wir mal sehen. Aber ich glaube, das bekommen wir schon hin. Ehrlich gesagt habe ich noch nicht so viele Interviews gegeben. Ich gebe mein Bestes.
Meine erste Frage lautet: Sind Sie ein echter Ostfriese?
Ja, ich bin ein echter Ostfriese. Ich bin im Landkreis Aurich geboren und aufgewachsen. Ich trinke liebend gern den ganzen Tag lang meinen Ostfriesentee, der darf ruhig stark sein und länger auf dem Stövchen stehen. Soviel Schwarztee, aber der Körper arrangiert sich damit. Nur von Kaffee nach sechzehn Uhr kann ich nicht schlafen.
Sie haben in Paderborn Technischen Umweltschutz studiert und bevor Sie zur Wasserwirtschaft kamen, ging es 1997nach Berlin. War das Ihre Idee?
Nach dem Studium 1996 habe ich vier Jahre lang in einem Ingenieurbüro in Kassel gearbeitet. Ich war damals der jüngste, unverheiratete Ingenieur. Und wenn es um Projekte, die weit weg waren ging, schauten immer alle auf mich. Und so ging ich für fast zwei Jahre nach Berlin. Wir hatten 1995 das Konzept zur Einführung der Biotonne in Berlin erarbeitet. Nun ging es um die Öffentlichkeitsarbeit. Es war eine sehr spannende Aufgabe und auch sehr emotional.
Ihr Projekt hatte auch mit der Wiedervereinigung zu tun.
Für die Öffentlichkeitsarbeit für die Berliner Stadtreinigung hatten wir damals mehr als 120 Mitarbeiter gesucht, die an den Haustüren klingeln und den Bewohnern erklären, wie die Biotonne funktioniert. Ein riesiges Projekt. Insgesamt waren es 1,2 Millionen Hausbesuche. Wir konnten Mitarbeiter über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gewinnen und bei uns bewarben sich viele Menschen, die es nach der Wende schwer hatten, die sogenannten Wendeverlierer. Ich erfuhr damals viel über die persönlichen Schicksale, über Sorgen und Nöte der Ostdeutschen. Das hat mich sehr bewegt.
Später sind Sie wieder zurück in Ihre Heimat, nach Ostfriesland. Seit vielen Jahren sind Sie in der Siedlungswasserwirtschaft tätig. Sie sind Oberdeich- und Obersielrichter bei der Deich- und Sielacht Norderland, einem kommunalen Verband in der Stadt Norden. Für was sind Sie verantwortlich?
Hier oben an der Nordsee herrscht Ebbe und Flut. Im schlimmsten Falle gibt es Sturmfluten. Einfach gesagt: Wir behalten von früh bis spät das Wasser im Blick. Wir, damit meine ich insgesamt 14 Verbandsmitarbeiter. Die Binnenwasserstände werden übers sogenannte Sielen, über kontrollierte Entwässerung, geregelt. Das Wasser wird in einem großen Speicherbecken zwischengespeichert und von da aus wieder ins Meer abgelassen. Dieses Sielen ist normerweise zweimal pro Tag möglich, immer dann, wenn der Wasserstand in der Nordsee niedriger ist als unser Binnenwasserstand. Wenn das Sielen nicht möglich ist, pumpen wir das Wasser mit unseren Pumpen Richtung Nordsee.
In diesem Zusammenhang werden Sie auch manchmal „der Deichgraf“ genannt? Mögen Sie diesen Titel?
Hier im Norden haben wir die Bezeichnung Oberdeichrichter und so stelle ich mich den Leuten auch vor. Ich halte ab und zu Vorträge und da fällt dann schon mal das Wort Deichgraf. Ich mag die Bezeichnung, wenn sie am Rande kommt und mit einem Lächeln gesagt wird.
Wir gehen noch mal ein Stück zurück in ihrer Biografie. Zu Ihrer Kindheit und Jugend. Wie sind Sie eigentlich zum Thema Wasser gekommen?
Ganz wesentlich daran beteiligt war mein Vater. Wir hatten immer Landwirtschaft, unser Hof ist in Leybuchtpolder, es ist geologisch gesehen das jüngste Dorf Deutschlands, das letzte eingedeichte Stück Land, was besiedelt wurde. Die Ortschaft wurde 1954 gegründet, man hatte damals Mitarbeiter für den Deichbau und später Siedler gesucht. Mein Vater und mein Opa, vertrieben aus Ostpreußen, suchten ein neues Zuhause und so haben sie sich für die Deicharbeiten gemeldet und später auf die Siedlerstelle beworben, Glück gehabt und diese per Losverfahren bekommen. Somit entstand in unserer Familie der Bezug zum Deich, zur Landwirtschaft und zum Wasser. Unser Stück Land ist dem Wasser abgerungen geworden. Alles wirtschaften ging natürlich nur mit ordentlicher Entwässerung. Alles, was stattfand, hatte mit Wasser zu tun: der neue Deich, der Schutz vor Hochwasser, die Sturmfluten und der ertragreiche Marschboden. Ich war der dritte von vier Söhnen. Mein Vater kam irgendwann auf die Idee, dass ich doch mal ein Praktikum auf der Kläranlage in unserer Region machen könnte. Also ging es direkt nach meinem Abitur dorthin. Ich wollte erst Landwirtschaft mit Schwerpunkt Umweltschutz studieren, doch dann bin ich an die Technische Universität Paderborn gegangen, an den Standort Höxter und studierte mit Schwerpunkt Siedlungswasserwirtschaft.
Sie sind seit vielen Jahren in der Verbandsarbeit. Können Sie das Wort Wasser noch hören?
Da hab ich nie genug davon! Beruflich wie privat. Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, fragt meine Frau immer: Soll ich fahren? Weil ich meistens nach rechts und links in die Gräben schaue, ob da alles in Ordnung ist mit dem Wasserstand. Wenn wir mit dem Rad unterwegs sind, führt der Weg immer erstmal zum Deich. Das Wasser ist immer präsent, genau wie der Blick auf Wetter. Die Fragen lauten täglich: Funktioniert die Entwässerung? Sind wir gut aufgestellt, wenn das Wasser kommt? Was ich besonders toll finde an dieser Arbeit hier oben im Norden: Man denkt nicht in kurzen Zeitsegmenten, alles ist auf Generationen angelegt. Wahlperioden spielen hier oben keine Rolle. Leben findet hier nur statt, wenn die Entwässerung funktioniert und wenn der Deich hält. Der Klimawandel zeigt auch hier oben sein Gesicht: Wir haben immer mehr Wasser im Winter und immer weniger im Sommer.
Sie sind neuer Präsident des Wasserverbandstages Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist eine Mischung aus sehr vielen verschiedenen Emotionen. Ich habe die Nachfolge von Heiko Albers angetreten. Er ist leider viel zu früh verstorben und hinterlässt eine riesige Lücke. Ich kannte ihn gut und habe ihn sehr geschätzt. Er hatte sich unglaublich stark gemacht für die Wasserwirtschaft. Wenn man sich neuen Aufgaben stellt, kommt eine Menge auf einen zu. Die Breite an Themen und die Fläche des Wasserverbandstages sind enorm. Es ist eine große Herausforderung und ich wachse in die Aufgaben hinein. Die Präsidentschaft ist eine ehrenamtliche Aufgabe mit vielen Treffen und Veranstaltungen, zum Beispiel neulich im Ministerium in Sachsen-Anhalt. Ohne das Team des Wasserverbandstages würde es nicht gehen. Wir haben ein Büro in Magdeburg mit dem Geschäftsstellenleiter Frank Hellmann und der Büroleiterin Doreen Markau. Auch in Hannover haben wir einen Sitz und außerdem noch eine Prüfstelle mit insgesamt neun Mitarbeitern.
Was hat Sie motiviert, das Amt zu übernehmen?
Die Verbandsarbeit macht mir nach all meinen Dienstjahren immer noch jeden Tag viel Freude. Das ist meine Lebensaufgabe. Mit dem Wasserverbandstag können wir Interessen bündeln und Signale Richtung Politik senden, immer wieder, gebetsmühlenartig. Wir haben die Möglichkeit, Entwicklungen anzuschieben und richtungsweisend zu sein. Ich sehe auch, mit welcher Energie und Ausdauer die Verbände überall ihren Job machen. Ich treffe beim Wasserverbandstag viele Überzeugungstäter. Wir können etwas bewegen, für jetzt und für künftige Generationen, das ist mein Antrieb. Wir müssen unsere Forderungen immer wieder an den richtigen Stellen platzieren. Es geht um gute Öffentlichkeitsarbeit. Wir brauchen vor allem finanzielle Unterstützung und Fördergelder beim Bestandserhalt des Trink- und Abwassernetzes. Bei der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind wir hinter der Zeit, wir haben zu geringe Erneuerungsraten von durchschnittlich 0,7 Prozent. Wir können nicht nur schauen, dass die Beiträge stabil bleiben, sondern wir brauchen auch Investitionsstrategien für Erneuerung. Als Präsident bin ich immer wieder Ansprechpartner für Politik und für Interessenverbände.
Wenn Sie drei Wünsche für die Wasserwirtschaft frei hätten, welche wären das?
Erstens: Wir brauchen Fördermittel sowie vergünstigte oder zinslose Darlehn für Investitionen ins Leitungsnetz. Wir können nicht darauf warten, dass unsere Kinder alle Aufgaben übernehmen. Das Zweite ist, auch im Hinblick auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wir brauchen stabile politische Verhältnisse. Nach Wahlen wechseln Ansprechpartner in den Ämtern und wieder dauert dann alles länger. Mein dritter Wunsch: Das immer mehr Menschen feststellen, dass Wasser ein kostbares Gut ist. Da habe ich aber keine Sorge, denn ich sehe bei den Bürgern immer mehr ein positives Umdenken.
Was wollen Sie für Sachsen-Anhalt erreichen?
Es ist einmal das Vorankommen bei der Investitionsstrategie für den Leitungserhalt im Trink- und Abwasser. In der Trinkwasserversorgung drängt sogar noch mehr die Zeit als beim Abwasser. Wir müssen langfristig in eine Erneuerungsrate von zwei Prozent pro Jahr kommen. Klingt wenig, ist aber ein enormer Kraftakt. Man könnte jetzt sagen, ja aber Rohre und Leitungen halten doch über sechzig Jahre. Ich sage: es ist falsch, erst nach 60 Jahren zu sanieren. Wir müssen früher ins Rollen kommen, nach etwa 35 Jahren, denn Planungen und Baumaßnahmen brauchen Zeit und: Geld. Weiterhin möchte ich das Thema Klimawandel im Blick haben: Es geht vor allem um die Wasserrückhaltung in der Fläche und die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung und den Schutz des Grundwassers. Was ich in Sachsen-Anhalt großartig finde: Im neuen Wassergesetz wurde der Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung vor anderen Nutzungen verankert. Ich habe auch den Demografiewandel in den ländlichen Regionen im Blick. Wenn sich die Einwohnerzahlen verringern, was bedeutet das dann für die Beitrage und Gebühren, was bedeutet das für die Versorgungslage? Bei allen angesprochenen Themen haben die Verbände sehr gute Vorschläge und Konzepte parat.
Von der Stadt Norden bis nach Magdeburg sind es über 400 Kilometer. Welche Kontakte entstehen gerade nach Sachsen-Anhalt?
Der Tag der Wasserwirtschaft in Magdeburg 2025 war ein guter Auftakttermin für mich. Ich hatte auch einen sehr guten Austausch mit Staatssekretär Dr. Steffen Eichner im Ministerium und viele weitere Gespräche mit Politikern und Verbänden. Mein Stellvertreter, Achim Grossmann, sowie die Vorstandsmitglieder des Wasserverbandstages Franz-Xaver Kunert und Mario Pöschmann unterstützen mich sehr.
Das Gebiet des Wasserverbandstages ist mit Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt riesig. Sie sind seit Oktober 2025 im Amt. Was konnten Sie von Sachsen-Anhalt schon kennenlernen?
Ich bin ganz ehrlich. Aktuell ist es für mich so: Anreise, Abreise, Termine und weiter. Ich denke, dies wird mit der Zeit anders und ich freue mich darauf, Sachsen-Anhalt und seine Menschen sowie viele Wasserverbände näher kennenzulernen. In diesem Jahr haben wir die zweitätige Vorstandsitzung in Quedlinburg, da möchte ich vor und nach der Tagung auf jeden Fall rechts und links schauen. Aber ich kenne zum Beispiel Wernigerode gut.
Für den Wasserverbandstag sind sie viel unterwegs, wenn Sie wieder nach Hause, nach Ostfriesland kommen, was tut Ihnen dann gut?
Wenn ich mit dem Rad am Deich entlangfahre oder zu den Feldern, gemeinsam mit meiner Frau. Und dann sind da noch die Spaziergänge mit unserer Labradorhündin Funny. Jeden Abend zur gleichen Zeit steht sie da und fordert ihre Runde ein. Sie ist schon dreizehn Jahre alt, die Strecken mit ihr werden kürzer, aber den Weg bis zum Deich, den schafft sie noch!
Vielen Dank, Herr Mellies, für das Interview.

„Kein Deich, kein Land, kein Leben“
- 57 Jahre alt, lebt im Landkreis Aurich, ist verheiratet und hat drei Söhne
- Studium an der TU Paderborn, Standort Höxter und Abschluss als Dipl. Ing. FH Technischer Umweltschutz, Schwerpunkt: Siedlungswasserwirtschaft und Abfallwirtschaft
- 4 Jahre Ingenieurbüro IGW Witzenhausen, Abfallwirtschaftskonzepte und Einführung der Biotonne
- Berater für die Landwirtschaft Ostfriesland: Schwerpunkt Nährstoffmanagement und Biogasanlagen
- Ab 2010 Sielrichter, Vorstand und Verbandsvorsteher im Entwässerungsverband Norden
- Ab 2021 im Ausschuss und Prüfungsausschuss des Wasserverbandstages e. V.
- Seit 2025 Oberdeich- und Obersielrichter, nach Fusion Entwässerungsverband Norden und Deichacht Norden zur Deich- und Sielacht Norderland
- Seit 10.10.2025 Präsident des WVT e.V. Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt
