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Brandenburg

Wo Mozart in Stechau Hölderlin besucht

Wenn die Brandenburgischen Sommerkonzerte ab Mai wieder zur musikalischen Landpartie einladen, geht der Genuss über die Qualität von Stimmen und Klangkörpern weit hinaus. So mancher Veranstaltungsort selbst trägt Star-Qualitäten, wie das Rittergut Stechau bei Schlieben.

Dr. Bardia Khadjavi-Gontard und seine Ehefrau Verena Khadjavi-Gontard sehen dem Sommerkonzert anlässlich des 35-jährigen Festival-Jubiläums in Stechau freudig entgegen.
Fotos (2): Rittergut Stechau/privat

„Die Kunst ist der Übergang aus der Natur zur Bildung und aus der Bildung zur Natur“. So formulierte einst der bedeutende deutsche Lyriker Friedrich Hölderlin. Ihn mit Bezug auf das Rittergut Stechau zu zitieren, kommt nicht von ungefähr. Denn der geniale Poet stand einst als Hauslehrer in Diensten der Hugenottenfamilie Gontard. Deren Nachfahre Dr. Bardia Khadjavi-Gontard ist Eigentümer des spätbarocken Ensembles, das bereits seinen Urgroßeltern von 1899 bis zur Bodenreform in der DDR gehörte. Den prägenden Einfluss Hölderlins auf die Familie hält eine Stele auf dem idyllischen Anwesen wach. Doch der Reihe nach.

Gleich doppelt gewonnen

Das Rittergut in Stechau kennt Bardia Khadjavi-Gontard lange nur vom Hörensagen. Als die Mauer fällt, reist der Münchner Anwalt erstmals ins Schliebener Land – begleitet von seiner Mutter, denn es ist schließlich ihr Großelternhaus! „Sie drehte sich um und sagte, es nie wiedersehen zu wollen!“ Das sei eine „Müllkippe mit Fußballplatz“, sind sich beide einig. Dennoch will Bardia Khadjavi-Gontard die verheerenden Zustände auf den 600 Hektar Land unbedingt in Ordnung bringen. „Das war meine Rache an der SED“, schmunzelt er. Um den Kauf des Geländes bewirbt er sich zweimal – und gewinnt die Ausschreibung zweimal. Doch der Gemeinde als Rechtsträgerin widerstrebt es zunächst, das Geschäft mit den Vorbesitzern in trockene Tücher zu bringen. 1992 gibt sie den Widerstand auf und verkauft.

Ein Zuhause für die Musik

Es folgen Jahre immenser Kraftanstrengungen, um Park und Barock-Schloss (erbaut 1757) zu gebührendem Glanz zu verhelfen. Dem mit denkmalgeschützten Ensembles bestens vertrauten Architekten Tino Walz musste Khadjavi-Gontard versprechen, hier „etwas Schönes“ zu errichten. Dies schließt für die Hausherren, im festen Bewusstsein von Tradition und familiären Wurzeln, Kunst und Kultur ein. Die Hölderlin-Stele am Parkteich war dazu 1993 der symbolische Auftakt. „Nachdem wir 1995 endlich ins Haupthaus einzogen, gab es schnell Interesse an Konzerten im Park. Da traten etwa der Schliebener Posaunenchor oder der örtliche Gesangsverein auf.“ Als der Hausherr im benachbarten Lebusa die Leitung der jungen Brandenburgischen Sommerkonzerte kennenlernt, zögert er nicht, sie nach Stechau einzuladen. Ein Lockruf mit großem und langjährigem Erfolg!

Jetzt schnell alle ins Haus!

Das erste Brandenburgische Sommerkonzert findet 1998 noch in der kleinen Stechauer Kirche statt. Ein Jahr später ist Premiere auf dem Rittergut. Im Laufe der Zeit begrüßt Familie Khadjavi-Gontard große Namen.In besonderer Erinnerung bleibt die Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ mit mehr als 200 Sängern und Instrumentalisten. Oder der Auftritt des polnischen Nationalorchesters, denn: „Während des Konzertes zog eine dicke schwarze Wolke auf. Die Musiker konnten nicht im Gewitter weiterspielen. Spontan zogen Orchester und rund 400 Zuhörer ins Haus um und genossen das Konzert weiter – meist im Stehen!“ Seitdem zeigt sich der Wettergott bei den Stechauer Open-Air-Konzerten von seiner besten Seite. Und so kann Bardia Khadjavi-Gontard hoffentlich auch am 22. August dieses Jahres (siehe unten) zur Begrüßung wieder scherzen: „Ich bin hier nur fürs Wetter verantwortlich!“