Brandenburg
KI? Nur im Dienst des Wassers!
Dass jederzeit bestes Trinkwasser aus dem Wasserhahn gezapft werden kann, gehört zu den großen Errungenschaften der Daseinsvorsorge. Doch dieses hohe Gut wird herausgefordert – durch Klimakrise, Fachkräftemangel, demografischen Wandel und steigende Qualitätsanforderungen. Um Kosten und Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen, gewinnt Künstliche Intelligenz (KI) auch in der Wasserwirtschaft rasant an Bedeutung.
Fotomontage: canva/SPREE-PR
„Ich würde fast behaupten, wir kommen zur Bewältigung unserer Herausforderungen nicht um die Nutzung von KI herum“, so Prof. Dr. Katharina Teuber, Professorin für Siedlungswasserwirtschaft an der Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth im aktuellen Podcast „WASSER ZEITUNG“ (u. a. bei spotify, deezer). Zunehmende Urbanisierung, alternde Infrastruktur, Sanierungsdruck – damit müsse man umgehen. „Digitalisierung kann da wirklich ein Hebel zur Lösung sein!“ Das hätten Forschungsprojekte eindeutig festgestellt.
Eine Frage mangelnder Zeit
Eine schnelle Umfrage unter den Herausgebern dieser WASSERZEITUNG bestätigt großes Interesse an KI – und konkreten Einsatzgebieten! Diese reichen von Prognosen des Trinkwasserbedarfes aufgrund von Wetterdaten über schnelleres Reagieren auf mögliche Verunreinigungen bis hin zu einer genaueren Zustandserfassung von Aggregaten. „Vor zehn Jahren habe ich bei den Berliner Wasserbetrieben selbst noch erlebt, wie die Befahrung von Kanälen händisch ausgewertet werden musste. Wer hat dafür heute noch Zeit?!“ Ein KI-Modell könnte mit einem umfangreichen Datensatz trainiert werden und definierte Zustände (Risse oder Brüche) erkennen – und Entscheidungen für Sanierungen treffen.
Vorsicht: „Prompt Hacking!“
Spätestens seit der Einführung von ChatGPT ist Künstliche Intelligenz in aller Munde. Sie durchdringt mittlerweile alle Bereiche unseres Lebens, manche sprechen sogar von einer „rasanten Revolution“. Diese hat das Potenzial, sich in den zentralen wirtschaftlichen Antrieb des 21. Jahrhunderts zu verwandeln. „Dafür brauchen wir natürlich die entsprechenden Fachkräfte“, verweist Katharina Teuber auf eine unabdingbare Voraussetzung für effiziente KI-Anwendungen. Mit der EU-Verordnung über Künstliche Intelligenz (KI-VO) sind Unternehmen seit dem 2. Februar 2025 verpflichtet, ihre Mitarbeitenden auf den sicheren und effizienten Einsatz von KI vorzubereiten. Denn es gibt Risiken – Stichwort „Prompt Hacking“! „In einer E-Mail könnte ‚weißer Text‘ Kommandos an das KI-Tool zur Freigabe bestimmter Informationen enthalten.“ Gefahr im Verzug!
Das Kerngeschäft im Blick
Und noch etwas sorgt für einen bitteren Beigeschmack beim Thema Künstliche Intelligenz: die unvermeidlichen, gigantischen Rechenzentren mit ihrem Wasserbedarf. Die Böll-Stiftung berichtete kürzlich von einer Untersuchung aus Chile, wonach ein Rechenzentrum allein für die Kühlungsprozesse mitunter bis zu 169 Liter Trinkwasser benötigt – pro Sekunde. „Ja, ich muss mir darüber bewusst sein, dass die Tools einen ökologischen Fußabdruck haben“, führt Professor Teuber zu der Frage, ob und wann der KI-Einsatz gerechtfertigt ist. „Es gibt ein Forschungsprojekt ‚Blue2035‘ – im Kern eine Strategieversion für die digitalisierte Wasserwirtschaft. Hier finden wir die schöne Aussage: KI nicht um der KI willen.“ Soll heißen, die Anwendung muss einen Mehrwert sicherstellen, um sie mit einem guten Gewissen einzusetzen. Am Ende hat jede Investition dem „Kerngeschäft“ zu dienen: der zuverlässigen Trinkwasserver- und umweltgerechten Abwasserentsorgung.
KI bei uns? Viele Chancen, aber auch Risiken!
Um unseren Aufgaben der Trinkwasserver- und Schmutzwasserentsorgung gerecht zu werden, betreibt der WAV „Dosse“ aus Neustadt (Dosse) eine komplexe Infrastruktur: 16 Wasserwerke, 7 Kläranlagen und 425 Abwasserpumpstationen. Dieses technische Gesamtsystem muss zuverlässig, wirtschaftlich und nachhaltig betrieben werden. Gerade bei einigen der größten Ärgernisse schafft uns KI neue Möglichkeiten – bei der Früherkennung von Leckagen und Rohrbrüchen. Durch die Analyse von Durchfluss-, Druck- oder Geräuschdaten aus dem Leitungsnetz können Auffälligkeiten erkannt werden, noch bevor es zu einem Schaden kommt. Zu begrüßenden geringeren Wasserverlusten gesellten sich weniger Straßenschäden und ein gezielterer Einsatz von Personal und Arbeitszeit als klares Plus. Dazu muss jedoch ein kritischer Blick auf IT- und Cybersicherheit gelegt werden. Wir brauchen ebenso die Akzeptanz für diese Technologie beim Personal. Und ein weiterer, oft übersehener Aspekt, ist der Ressourcenbedarf der KI selbst! Rechenzentren benötigen große Mengen an Energie und Wasser, insbesondere für die Kühlung. Mein Fazit: Künstliche Intelligenz bietet für Trink- und Abwasserverbände große Chancen, um Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit zu steigern. Entscheidend ist am Ende eine verantwortungsvolle Nutzung, damit die unbestrittenen Vorteile unserer zuverlässigen Daseinsvorsorge langfristig dienen.
Peter Tilger,
Technischer Leiter WAV „Dosse“ (Neustadt/D.)