Brandenburg
Mit den Space-Cowboys über den Sedlitzer See
29. Juni 2026. Drei neue Kanäle verbinden jetzt den Senftenberger, Geierswalder, Partwitzer, Sedlitzer und Großräschener See. Ergebnis: die größte, jemals von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft Europas. Eine Reportage von Anne Mücke.

Kapitän Lars Ohle (r.) und Peter Vester steuern die „Wilde Ilse“ jetzt über den neu geschaffenen Lausitzer Seenverbund. Fotos: SPREE-PR/Petsch
29. Juni 2026. Drei neue Kanäle verbinden jetzt den Senftenberger, Geierswalder, Partwitzer, Sedlitzer und Großräschener See. Ergebnis: die größte, jemals von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft Europas. Eine Reportage von Anne Mücke.
Lars Ohle lächelt verschmitzt und dreht leichthändig das Steuerrad der „Wilden Ilse“: „Ich bin ja mit Ende 60 der jüngste von uns Space-Cowboys, so hat uns mal jemand von der Presse genannt.“ Sein Kollege Peter Vester schiebt die weiße Kapitänsmütze in den Nacken und zwinkert den Damen an Bord zu. Die beiden gehören zu einem kleinen Team ehrenamtlicher Bootsführer, die das Fahrgastschiff „Wilde Ilse“ über den Sedlitzer See – die ehemalige Kohlengrube ‚Ilse‘ – und nun auch durch den neuen Ilse-Kanal auf den Partwitzer See steuern. Ohle, ein ehemaliger Binnenschiffer mit 50-jähriger Berufserfahrung, ist nicht nur der Steuermann, sondern auch der Entertainer an Bord. Mit seiner kräftigen Stimme übertönt er mühelos den lauten Motor der „Wilden Ilse“, die bereits 1938 in Hamburg gebaut wurde und dann auf dem bayerischen Kochelsee bei Bad Tölz umherschipperte. 2018 wurde das ‚alte Mädchen‘ dann per Bahn in die Lausitz gebracht, aufpoliert und auf ihren neuen Namen getauft.
Weinhang neben dem Hafen
Lars Ohle zeigt den Gästen an Bord die Sehenswürdigkeiten am Ufer des Sedlitzer Sees: Da ist der einzige Weinhang mit Steillage im Land Brandenburg gleich neben dem kürzlich eröffneten Hafen, darüber erhebt sich die Victoria-Höhe, ein Aussichtspunkt in Form eines Schiffsbugs. Ein 450 Meter langer, weißer Sandstrand am Nordufer weckt Ostsee-Flair. Bald schon sollen Schiffe die per Bahn angereisten Gäste dorthin bringen, damit das Ufer nicht von Autos zugeparkt wird.
Die „Wilde Ilse“ nähert sich der Einfahrt zum Kanal, der in Wirklichkeit ein Tunnel ist: „Das ist der längste Schifffahrtstunnel Deutschlands, der mit Fahrgastschiffen befahren wird“, erklärt Lars Ohle, „186 Meter lang, da gehen zwei Zugstrecken drüber, eine Straße und ein Flüsschen und wir schippern einfach drunter durch.“
Mit an Bord eine Frau um die 50 aus Senftenberg. Sie erzählt, dass sie schon in den 1980er Jahren in der Schule Pläne gezeigt bekamen, wie es hier nach dem Ende des Braunkohlebergbaus einmal aussehen soll. „Damals hielten wir das für absolute Spinnereien“, erinnert sie sich, „aber nun ist es tatsächlich Realität – unglaublich.“ Kaum jemand hielt es wohl für möglich, dass in der eher wasserarmen Lausitz in nur drei Jahrzehnten diese große Wasserlandschaft entstehen könnte.
Doch es gibt auch Kritik an dieser menschengemachten Umgestaltung. Ohne die Tagebaue wird kein Grundwasser mehr in die Spree gepumpt, stattdessen fließt es in die Restlöcher. Dadurch sinkt der Wasserspiegel, nicht nur im Spreewald, auch in Berlin. Sollte es tatsächlich trockener und heißer werden, könnte die neue Pracht in der Lausitz einen noch höheren Preis fordern als die Milliarden, die bereits in die Renaturierung geflossen sind. Doch was wäre die Alternative? Eine fast menschenleere Mondlandschaft mit tiefen Kratern und ohne Zukunftsvisionen.
Patina erinnert an Tagebau
Jetzt dagegen eröffnet sich dem Betrachter ein weites, grünes Land mit tiefblauen Seen. Vor allem, wenn man die 162 Stufen des Aussichtsturms „Rostiger Nagel“ erklimmt. Ein architektonisches Kunstwerk, das seinen Namen zu Recht trägt. Denn sein wetterfester Stahl hat sich längst rotbraun gefärbt, eine Patina, die an Werkzeug und Tagebau erinnert. Über einen Audioguide erzählt der Turm, fast wie ein Wesen mit eigener Stimme, seine Geschichte: „Der Rost ist kein Makel. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich sehr schick – eine Erinnerung aus Metall.“ Von hier oben liegt der Sedlitzer See wie eine aufpolierte Scheibe in der Landschaft, dahinter die Weite des einstigen Tagebaugebiets, am Horizont die Kühltürme der Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg. Bei klarer Sicht reicht der Blick bis Cottbus.
Ein Hochzeitspaar lässt sich vor dem „Rostigen Nagel“ fotografieren. Kinder toben auf dem gerade erst fertiggestellten Spielplatz. Der Kiosk versorgt die durstigen Besucher mit kühlen Getränken und Eis. Kaum irgendwo in Europa ist eine Landschaft so sehr im Wandel wie hier – es lohnt sich, das anzuschauen und mit Lars Ohle auf der „Wilden Ilse“ Wasser, Wind und Wein zu genießen.

Der „Rostige Nagel“ ragt an der Mündung des Sornoer Kanals zum Sedlitzer See in den Himmel.

Der Lausitzer Seenverbund erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 5.300 Hektar. Eine komplette Runde auf dem Wasser ist etwa 50 km lang. Zur modernen touristischen Infrastruktur gehören Marinas, Radwege und Strände.