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Gesichter der Wasserwirtschaft

„Ich will, wenn möglich, alles wissen“

Jens U. Schmidt ist Experte für Wassertürme und hat zu tausenden Bauwerken intensiv recherchiert und Bücher veröffentlicht. Ein Gespräch über den Beginn der regionalen Wasserversorgung und was wäre, wenn Wassertürme sprechen könnten.

Jens U. Schmidt bewahrt die Geschichte der Wassertürme Deutschlands. Foto: SEM Schmidt

Herr Schmidt, wann begann Ihre Begeisterung für Wassertürme?

Als Jugendlicher hatte mich die Astronomie fasziniert und in Hamburg-Winterhude gab es damals schon einen Wasserturm, der gleichzeitig Planetarium ist. Einmal im Monat wurden Vorträge angeboten – ich war immer dabei. So rückten die Wassertürme bereits während meiner Schulzeit in mein Bewusstsein. Bis heute interessieren mich diese Bauwerke und es lohnt sich, ihre Geschichte, die Technik, die Architektur, die damalige und heutige Nutzung näher zu betrachten.

Was verrät ein Wasserturm über die ­Geschichte einer Stadt oder Region?

Er markiert den Beginn der zentralen und hygienisch sauberen Wasserversorgung einer Region und wie groß der Wasserbedarf zur damaligen Zeit war. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts fing man in Deutschland an, Wasserwerke und damit auch Wassertürme zu bauen. Ein wichtiger Schritt, denn die Städte wurden größer und die Bewohner rückten enger zusammen. Zuvor wurde Wasser aus Brunnen genutzt und alle Menschen haben sich gewundert, dass sie an Typhus und Cholera erkrankten. Die Toilettenhäuschen waren meist nur ein paar Meter von der Wasserquelle entfernt. Damals wusste man noch nicht, dass Bakterien und Viren für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich sind. Die Größe des errichteten Wasserturms war immer dem Bedarf angepasst, in Kleinstädten waren es 200-500 Kubikmeter, in Großstädten 2000-3000 Kubikmeter. Der Wasserturmbau zeigte auch, ob eine Region viel Geld hatte oder nicht. Übrigens, in Zittau in Sachsen steht einer der ältesten Wassertürme Deutschlands, er wurde 1863 im klassizistischen Stil erbaut und ist bis heute noch in Betrieb.

Rücken auch die Wassertürme von Sachsen-Anhalt in Ihren Fokus?

Auf jeden Fall und es drängt ein wenig die Zeit. Während einer Exkursion mit der Deutsch Internationalen Wasserturmgesellschaft waren wir im Wasserturm von Bobbau, einem Ortsteil von Bitterfeld-Wolfen. Der Bürgermeister fragte nach, ob es zum 100-jährigen Turmjubiläum im September 2027 ein Buch über die Wassertürme von Sachsen-Anhalt gäbe. Mein Ziel ist es, gemeinsam mit meinen Co-Autoren Andreas Rudolph, Matthias Röthke und Jens Jeschke über alle Wassertürme in den einzelnen Bundesländern zu schreiben. Es fehlen noch sechs Bücher.

Welcher Turm von Sachsen-Anhalt ist ­Ihnen bereits besonders aufgefallen?

Den Wasserturm von Merseburg habe ich vor einiger Zeit sozusagen im Vorbeifahren entdeckt. Der Turm ist auf den Ruinen der Kirche Sankt Sixti gebaut. Diese wurde im 30-jährigen Krieg und immer wieder durch Blitzschlag zerstört. Einer der prächtigsten Türme von Sachsen-Anhalt ist für mich allerdings der Wasserturm von Halle an der Saale.

Der Wasserturm von Merseburg, Egeln und von Halle (Saale) sowie eine Veröffentlichung von Jens U. Schmidt (v. li.nach re.). Fotos: Jens U. Schmidt

Welche Entdeckung hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Wassertürme wurden nicht nur unmittelbar für die Versorgung der Bürger gebaut. Sie entstanden auch außerhalb der Städte, nämlich für Einrichtungen, die man nicht in der Stadt haben wollte, wie zum Beispiel Militäranlagen, Psychatrien, Krankenhäuser, Gefängnisse, geruchsintensive Industriebetriebe oder Schlachthöfe. Auch Löschwasser wurde für Textilbetriebe gebraucht, denn Baumwolle ist bei maschineller Verarbeitung leicht entzündlich und es gab Brände. Wassertürme entstanden auch bei Eisenbahnanlagen. In dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ sieht man einen der typischen frühen amerikanischen Wasser-Holzhochbehälter für die Versorgung von Dampflokomotiven.

Warum sollte man sich für den Erhalt von Wassertürmen mehr einsetzen?

Das ist eine immer wiederkehrende Diskussion. Viele Türme verfallen oder werden abgerissen, weil die Sanierung so teuer ist. Bahnwassertürme beispielsweise stehen oft nicht unter Denkmalschutz. Zum Glück gibt es viele Vereine, wie zum Beispiel in Dessau, die sich um den Erhalt kümmern. Es sind die Einheimischen, die mit dem Wasserturm des Ortes verbunden sind, es erinnert an die Vergangenheit, es ist ein Stück Identität. Aber man muss auch sagen: Für alle Wasserversorger ist der Erhalt eines Wasserturms ein hoher Kostenfaktor.

Wenn Wassertürme sprechen könnten – was würden sie uns erzählen?

Sie würden sicher sagen, dass sie beachtliche Veränderungen miterlebt haben: Von archaischer hin zu moderner Technik in ihrem Inneren. In den Städten, auf die sie herunterschauen, fuhren einst Pferdekutschen und nun rauschen Autos vorbei. Dass die Städte extrem schnell wachsen. Sie haben die Kriege erlebt und überlebt, eine lange Zeit des Friedens und jetzt besteht wieder die Gefahr, dass es in ihrer und unserer Nähe wieder mehr Kriege geben könnte.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Da ist das Sachsen-Anhalt-Buch zu nennen, das ich vorantreiben möchte. Ich ahne, dass die Sammlung für Nordrhein-Westfalen ein Mammutprojekt wird. Auch Bücher über Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hessen sind geplant. Sie sehen, es gibt noch viel zu tun. Und am liebsten würde ich, wenn möglich, alles über Wassertürme wissen.

Vita Jens U. Schmidt

  • Geboren 1952 in Leipzig, wuchs in ­Pinneberg auf, verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn
  • Studium der Psychologie in Berlin, ­Abschluss als Diplom-Psychologe
  • Referent für Bildung und Forschung und ­später Regierungsdirektor beim Bundespresseamt
  • Lebt seit 2012 in Fürstenwalde
  • Seit mehr als fünf Jahrzehnten ­Erforschung und Dokumentation von Wassertürmen
  • 2008 erste Veröffentlichung „Wassertürme in Schleswig-­Holstein“
  • Alle Buchprojekte werden privat ­finanziert
  • Seit 2023 Vorsitzender der Deutsch Internationalen Wasserturm ­Gesellschaft 2002 e.V. (DIWTG) www.watertowers.de
  • Archiv deutscher Wassertürme: private Datenbank zu über 2.500 Wassertürmen in Deutschland. Bezug der Bücher über:www.wassertuerme.com und wassertuerme@email.de

Die Formfamilie der Wassertürme

Historisch (1880–1914): Backsteinturm, ­Burgturm, Fachwerkturm, Ei-/Intze-Turm
Modern (1920–heute): ­Zylinderturm, Kegelturm, Pilzturm, ­Kugelturm (Aqua­globus), ­Schaftturm, Hyperboloidturm