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Theaterprojekt

Wenn Wasser eine Stimme bekommt

Wie würde unsere Welt aussehen, wenn Dinge eine Stimme hätten? Das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin hat dieser Idee eine Bühne gegeben. Und sich dazu auch das Wasserwerk der Zukunft an die Seite geholt. Hereinspaziert ins „Parlament der Dinge“.

Schauspielerin Julia Keiling führte die Kinder und Jugendlichen durch das Parlament der Dinge. An ihrer Seite: Wichtige „Dinge“ des Lebens wie das Wasser (r.) und das Moor. Foto: Silke Winkler

„Was wir jetzt wohl machen?“ Sascha, Ben, Sarah, Fine und 14 andere Kinder folgen David Schacht neugierig über den Flur der M*Halle. Er führt die Fünft- und Sechstklässler in einen Raum abseits der Bühne. Auf dem Boden liegt ein Wassertropfen aus Papier. Darauf stehen Becher. „Trinkt erst mal einen Schluck“, sagt David Schacht.

Ein Schluck, viele Fragen

David Schacht kommt vom Verein „Wasserwerk der Zukunft“ in Malchin und leitet den WasserZweckVerband Malchin Stavenhagen. An diesem Morgen begleitet er als Wasserexperte das „Parlament der Dinge“. 

Als die Becher leer sind, fragt er die Schüler, wofür sie Wasser nutzen. Trinken, Hände waschen, Duschen, Blumen gießen … Die Antworten sprudeln. Schnell wird klar: Wasser ist überall im Alltag. Doch woher kommt es eigentlich? „Aus dem Wasserwerk“, antwortet ein Junge. „Und wo bekommt das Wasserwerk das Wasser her?“ Kurzes Nachdenken. „Aus der Erde?!?“ David Schacht nickt. „Bei uns aus 50 bis 60 Metern Tiefe!“ Er erzählt, dass das Wasser über Brunnen gefördert und in vielen Schritten aufbereitet wird. Als er erklärt, wie streng Trinkwasser kontrolliert wird, sind die Kinder überrascht.

Über die Fachausschüsse wirkten die Jugendlichen aktiv – und kreativ – am Parlament der Dinge mit. Hier eine Schülergruppe aus einer älteren Besuchergruppe. Foto: Silke Winkler

Experiment der Gedanken

Vor allem ein Wort bleibt hängen: Nitrat. Ein Stoff, der nur in winzigen Mengen im Wasser sein darf, aber zum Beispiel über die Landwirtschaft mehr und mehr ins Grundwasser gelangt. Die Kinder fragen: Können Wasserwerke das nicht herausfiltern? „Theoretisch ja“, sagt David Schacht. „Das ist aber sehr aufwendig und braucht besondere Technik. Das würde Trinkwasser dann sehr viel teurer machen. Wäre es nicht besser, unser Grundwasser vorbeugend zu schützen?“, fragt er zurück. Die Kinder schauen sich an. Bis vor wenigen Minuten war Wasser für sie noch etwas, das einfach aus dem Hahn kommt. Nun sind da so viele Zusammenhänge. Was würde das Wasser wohl antworten, wenn es eine Stimme hätte?

Genau darum geht es im „Parlament der Dinge“. Regisseurin Nina Gühlstorff hat es als Gedankenexperiment für Jugendliche auf die Bühne gebracht. Was die Schüler erwartet? Zunächst einmal Aufkleber mit Symbolen. Ein Abstimmungsgerät. Und die Aufgabe, einen Platz zu finden, der zum Aufkleber passt. An diesem Vormittag füllen sich die Sitze mit 100 Schülern aus Crivitz. Eine Glocke läutet. Die Debatte beginnt. 

Die „Dinge“ sind nicht einfach

Julia Keiling betritt die Bühne. Die Schauspielerin führt als Parlamentspräsidentin durch das Stück. Flankiert von Moor. Wald. Energie. Tieren. Wasser. Was denken Jugendliche über Themen wie diese? Julia Keiling fragt, die Schüler stimmen ab. Zunächst einfach so, aus dem Bauch heraus. Das Ergebnis fürs Wasser: 21 Prozent finden, MV hat genug Trinkwasser. 27 Prozent meinen: Felder müssen gedüngt werden. 45 Prozent sagen: Die Gifte auf den Feldern müssen reduziert werden. Verändern sich Meinungen, wenn man mehr über ein Thema weiß? Auf geht’s in die Ausschüsse. Hier sollen – wie in einem echten Parlament – die Themen vertieft werden. In jeden Ausschuss hat Nina Gühlstorff Experten aus der Praxis eingeladen. So wie David Schacht. Die Aufkleber vom Eingang bestimmen, welche Kinder in seinem Ausschuss sitzen. 

Im Parlament der Dinge bekam auch das Wasser eine Bühne.  Foto: Silke Winkler

Dort haben Sascha, Ben, Fine und die anderen inzwischen ihre Argumente ausgetauscht. Und die wichtigsten auf Plakate geschrieben. Dann ruft die Glocke alle zurück ins Parlament. Hier gibt nun jeder Ausschuss seinem „Ding“ eine Stimme: Den Tieren. Der Energie. Dem Wald. Dem Moor. Und dem Wasser. Dann wird noch einmal abgestimmt. Alle Zahlen verändern sich. Auch beim Wasser. Jetzt finden 10 Prozent: MV hat genug Trinkwasser. 13 Prozent meinen: Felder müssen gedüngt werden. 65 Prozent sagen: Die Gifte auf den Feldern müssen reduziert werden. 

Für David Schacht kommt das nicht überraschend. Nach zwei Jahren im „Parlament der Dinge“ ist der Kern für ihn nicht die Frage, ob Wasser eine Stimme haben sollte. Sondern was passiert, wenn Menschen sich informieren und einander zuhören. „Wer versteht, woher sauberes Wasser kommt, erkennt auch, warum sein Schutz eine wichtige und gemeinsame Aufgabe ist.“

Das „Parlament der Dinge“ ist ein Projekt zur demokratischen Teilhabe von Jugendlichen nach einer Idee des französischen Soziologen Bruno Latour. Regisseurin Nina Gühlstorff hat es zusammen mit Ausstatterin Marouscha Levy, Theaterpädagogen, Schauspielern und Schülern für die Schweriner Bühne entwickelt. Der Anspruch: Theater, Politik, wichtige Themen unserer Zeit und Teilhabe miteinander verbinden – jugendgerecht und ohne Zeigefinger. Das Mitmachen habe jeder Vorstellung einen eigenen Charakter gegeben. „Und immer wieder deutlich gemacht, wie vielschichtig Entscheidungen sein können.“ Premiere war im Herbst 2024. Im Sommer endet das Projekt.