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Die unsichtbare Stadt

Kläranlage Wolgast: High-Tech, Biologie und Weitsicht im Dienst der Umwelt

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was passiert, nachdem Sie die Spülung gedrückt haben? In Wolgast verschwindet das Wasser nicht einfach. Es begibt sich auf eine faszinierende, gut viertägige Reise durch eine Infrastruktur von beeindruckender Dimension.

Das Wasser durchläuft die Kläranlage Wolgast etwas mehr als vier Tage, bis es gereinigt ist.
Foto: ZV Wolgast

Die Anlage ist auf 40.000 Einwohnergleichwerte ausgelegt und integriert seit 1996 auch die Ströme aus Peenemünde und Karlshagen. Doch die Technik verwaltet nicht nur den Status quo, sie denkt voraus: Seit 2025 verstärkt eine zweite Druckrohrleitung von der Insel Usedom das System. Diese Investition sichert nicht nur den laufenden Betrieb ab, sondern eröffnet die Perspektive, künftig noch größere Mengen aufzubereiten. Ein doppeltes Sicherheitsnetz für eine Ressource, die keine Pausen kennt. Willkommen an einem Ort, wo High-Tech auf Biologie trifft und aus Abwasser wieder Lebensraum wird.
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Der mechanische Türsteher

Hier kommt alles an – und das heißt wirklich alles. Klärwärter Richard Dulke zog schon eine Sparkassenkarte aus dem Rechen mit 3 Millimeter Stababstand. Der Zulauf ist das Tor zur Anlage, doch nicht jeder darf passieren. Im Rechengebäude arbeiten die mechanischen Türsteher: Grobstoffe, Feuchttücher oder Wattestäbchen, die fälschlicherweise in der Toilette gelandet sind, filtert der Rechen mit drei Millimeter Rillenabstand hier gnadenlos heraus.

Im Anschluss übernimmt die Physik: In den Rundsandfängen wird die Fließgeschwindigkeit so präzise reduziert, dass sich schwerer Sand am Boden absetzt, während organische Stoffe weiterschweben.

Mikroben
Abb. SPREE-PR
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Das Festmahl der Mikroben

Statt Chemie kommt hier die Natur zum Einsatz. Das Belebungsbecken fungiert als Herzstück der Anlage – im Grunde ein riesiges Aquarium, besiedelt von Milliarden mikroskopisch kleiner Akteure: Bakterien und Einzeller. In einem stetigen Wechselspiel durchläuft das Wasser verschiedene Zonen. Anaerob (ohne Sauerstoff): Simulierter Stress regt biologische Prozesse wie die Phosphor-Elimination an. Aerob (mit Sauerstoff): Mikroorganismen stürzen sich auf die gelösten Schmutzstoffe und „fressen“ das Wasser sauber. Diese Becken sind keine stillen Gewässer, sondern biologische Hochleistungsreaktoren, die rund um die Uhr Nährstoffe abbauen.

Mikroben
Foto: ZV Wolgast
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Das Gehirn

In der Schaltzentrale behalten die Klärwärter alle Anlagen und automatisierten Prozesse im Blick, um im Notfall einzugreifen. Während draußen das Wasser fließt, herrscht hier digitale Kontrolle. Die Leitzentrale bildet das Nervensystem der Kläranlage. Auf Monitoren laufen die Datenströme zusammen: Füllstände, Sauerstoffwerte, Pumpenleistung und Statusmeldungen. Von hier aus wird der gesamte Wasser- und Energiekreislauf überwacht. Per Mausklick lassen sich Aggregate zuschalten oder Prozesse optimieren. An dieser Schnittstelle greifen menschliche Expertise und automatisierte Sicherheit ineinander, um den 24/7-Betrieb zu garantieren.

Die Lunge
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Die Lunge der Anlage

Damit die Bakterienkulturen im Belebungsbecken effizient arbeiten, ist eine stetige Sauerstoffzufuhr essenziell. Die Kompressoranlage fungiert als Lunge des Reinigungsprozesses. Gewaltige Gebläse drücken Sauerstoff tief in die Becken, sichtbar an den aufsteigenden Blasen an der Wasseroberfläche. Dieser Prozess erfolgt smart gesteuert: Sensoren messen permanent den Sauerstoffgehalt und regulieren die Leistung der Aggregate so, dass immer exakt so viel Luftsauerstoff bereitgestellt wird, wie die Biologie im Moment benötigt. Effizienz trifft auf Ökologie.

Die Ruhe nach dem Sturm
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Die Ruhe nach dem Sturm

Nach der Turbulenz im Belebungsbecken benötigt der Prozess Ruhe. Im Nachklärbecken wirkt die Schwerkraft. Das Wasser fließt extrem langsam, sodass der sogenannte „Belebtschlamm“ – die Bakterienflocken – zu Boden sinken kann. Bodenräumer schieben diese Biomasse zurück in den Kreislauf. Zurück bleibt an der Oberfläche das Ergebnis der Mühen: Klares, gereinigtes Wasser. Es ist der Moment der visuellen Wahrheit – die Trennung von Schmutzfracht und der Ressource Wasser ist vollzogen.

Die Ruhe nach dem Sturm
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Blick ins Mikroskop

Vertrauen wird durch Kontrolle ergänzt. Klärwärter Richard Dulke untersucht regelmäßig seine kleinsten Mitarbeiter, die Bakterien. Im Analysenraum rückt die Wissenschaft in den Fokus. Unter dem Mikroskop wird regelmäßig die Vitalität der kleinsten „Mitarbeiter“ geprüft: Sind genügend Glockentierchen vorhanden? Bilden die Bakterien stabile Flocken? Die Reinigungsleistung hängt direkt von einer gesunden Mikrobiologie ab. Ein Blick durchs Okular verrät den Experten, ob die biologische Balance in den großen Außenbecken korrekt eingestellt ist.

Transformation der Reste
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Transformation der Reste

Das Schlammlager fasst etwa 1.000 Tonnen. Etwa zweimal im Jahr wird das Lager geleert. Die abgeschiedenen Stoffe verschwinden nicht einfach. Der überschüssige Schlamm wird entwässert und behandelt. Auf dem Schlammlagerplatz lagert das Endprodukt der Stofftrennung: Ein erdiges Substrat. Dieser Schlamm enthält die konzentrierte Fracht, die dem Wasser entnommen wurde, um die Flüsse zu schützen. Fachgerecht gelagert, wird er der landwirtschaftlichen Verwertung als Dünger zugeführt – der Kreis der Ressourcen schließt sich.

Transformation der Reste
Foto: SPREE-PR/Fuchs
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Mission erfüllt

Bereichsleiter Abwasser Thomas Wittmann (l.) und Klärwärter Richard Dulke prüfen, wie durchsichtig das Wasser im Nachklärbecken ist. Hier endet der technische Prozess und das Wasser kehrt in den natürlichen Kreislauf zurück. Am Ablauf fließt das gereinigte Wasser in den Vorfluter, die Ziese. Die Qualität ist nun so hoch, dass das Ökosystem keinen Schaden nimmt. Der Blick auf das klare Wasser zeigt das Resultat moderner Klärtechnik: Das Wasser wurde der Natur nur geliehen – und wird nun respektvoll zurückgegeben.