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Mecklenburg-Vorpommern

Felix Bujak und der ewige Kampf gegen die Kraft des Wassers

Felix Bujak schaut an einem eisigen Januartag von der Brücke in Dömitz hinunter auf die Elbe. Er beobachtet, wie sich Eisschollen auf dem Fluss zusammenschieben. Was für Spaziergänger ein romantisches Naturschauspiel ist, ist für den Wasserbauingenieur eine Gleichung mit gefährlichen Unbekannten.

Immer wieder steigt der Pegel der Elbe – wie im Winter 2009 – bedrohlich an. Kleines Bild: Felix Bujak.
Fotos (2): privat.

„Gestern ist hier innerhalb von sechs Stunden der Pegel um anderthalb Meter gestiegen“, erklärt er mit der Ruhe eines Mannes, der gelernt hat, in Kubikmetern pro Sekunde zu denken. Felix ­Bujak arbeitet seit 2011 beim Staat­lichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg (StALU WM), zuständig für den Hochwasserschutz. Er ist in der Nähe von ­Dömitz aufgewachsen. Dass Felix Bujak heute den Schutz seiner Heimat vor dem Wasser verantwortet, ist einem Zufall geschuldet. „Nach dem Abitur wusste ich nicht weiter“, erinnert er sich. Der Rat eines Bekannten: „Studiere doch Wasserwirtschaft in Suderburg!“. Es wird seine Lebensaufgabe.

Die Feuertaufe im Jahr 2013

Sein Berufsleben beginnt mit einem Paukenschlag, das Sommerhochwasser im Juni 2013. Während die Menschen in der Region die Sonne bei 30 Grad genießen, rollt aus Tschechien und Sachsen eine Gefahr heran. Grimma und Dresden stehen schon unter Wasser. „Für unsere Region wurde ein Höchstpegel von acht Metern am Pegel Dömitz berechnet, unsere Deichkronen sind aber nur 7,80 Meter hoch“, erinnert sich Felix Bujak. Die drohende Gefahr treibt den Wassermenschen an. Bis zu 20 Stunden am Tag schuftet er, koordiniert Ingenieure, berät den Katastrophenschutz, schreibt Lageberichte für das Ministerium. Anwohner füllen Millionen Sandsäcke, um die Deiche künstlich zu erhöhen. Mit rund 4.200 Kubikmetern Wasser pro Sekunde rollt die Elbe unaufhaltsam heran, schiebt eine Flut von ungefähr 30.000 Badewannen vor sich her. Die gefürchtete Katastrophe erwischt Fischbeck in Sachsen-Anhalt. Dort bricht der Deich. „Das Unglück hat uns gerettet“, sagt der hiesige Fachmann. Das Wasser blieb zehn ­Zentimeter unter der Deichkrone stehen.

Nach dem Hochwasser ist vor dem Hochwasser

In den Behörden wird ausgewertet, was lief, was nicht. Die Erfahrungen von 2013 sind Motor für seine Arbeit. Felix Bujak ist für ungefähr 100 Kilometer Deiche an Elbe und den Nebenflüssen verantwortlich. Mancherorts müssen die Anlagen erhöht, andernorts modernisiert werden. „Gleichzeitig versuchen wir, dem Fluss Raum zurückzugeben. Flächen, die man im Alltag nutzt, im Hochwasserfall aber opfert.“ Sein aktuelles Mammutprojekt: In Boizenburg wird der Deich zurückverlegt und gleichzeitig ein neues Sperrwerk zum Schutz der Anwohner an der Sude, einem Nebenfluss der Elbe, errichtet. Kosten: rund 40 Millionen Euro. „Wir planen seit 2017 und fangen dieses Jahr an zu bauen“, erzählt er. „Wasserbau ist ein Geduldsspiel zwischen Klimamodellen, Ingenieursplänen, Eigentümerbefind­lichkeiten, Gesprächen mit Landwirten und Naturschützern sowie Ausschreibungen.“

Ein Auge auf dem Fluss, das Ohr am Deich

Viermal im Jahr begibt sich der Ingenieur auf offizielle „Deichschau“ – gemeinsam mit Mitarbeitenden der Ämter, Feuerwehr und des THW werden die Schutzanlagen besucht. „Kontaktpflege für den Ernstfall.“ Trotz der enormen Verantwortung wirkt Felix Bujak gelassen. Was Ingenieurskunst und Planung ermöglichen, hat er getan. „Aber Natur lässt sich nicht endgültig zähmen“, sagt er. Das zeigten die Hochwasser an der Elbe 2002, 2006, 2011 und 2013. Er schaut auf die Eisschollen in der Elbe, sucht Schwachstellen im System, bevor die Natur sie findet. „Keine Gefahr, der Pegel der Elbe ist niedrig, sie reicht nicht bis an die Deiche. Wir sollten der Elbe wieder Raum geben: Polder, Rückverlegungen, Flächen, die man im Notfall überfluten lässt.“ Die nächste Flut wird kommen. Das weiß auch Felix Bujak.