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Über Kooperation und Austausch als Schlüssel für eine sichere Trinkwasserversorgung

„Gemeinsam für zukunftsfähige Lösungen“

Unsere neue Interviewreihe „Gesichter der Wasserwirtschaft“ stellt Menschen vor, die sich besonders für die Branche engagieren. Den Auftakt macht Jörg Schulze. Der gebürtige Hallenser leitet das Kompetenzzentrum Wasserwirtschaft und versteht sich als Koordinator komplexer Prozesse, die in der Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalts ineinandergreifen.

Unter der Leitung von Jörg Schulze bietet das Kompetenzzentrum Wasserwirtschaft eine Plattform für den fachlichen Austausch zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Unternehmen, um gemeinsam Strategien für eine nachhaltige Wasserversorgung zu entwickeln.
Foto: Markus Scholz

Herr Schulze, Sie haben eine beeindruckende Berufslaufbahn. Wie sind Sie zur Wasserwirtschaft gekommen?

Ursprünglich komme ich aus der Kreislaufwirtschaft. Beim Bau und Betrieb ­einer abfallbasierten Biogasanlage mit einer Verarbeitungskapazität von 120.000 Tonnen jährlich habe ich viel mit Hydraulik, Pumpen und biologischen Prozessen gearbeitet. Sowohl in der Wasser- und Abwasserwirtschaft als auch in der Kreislaufwirtschaft geht es darum, Abläufe zu steuern. Gemeinsamkeiten, die mich umfassend auf die Wasserwirtschaft vorbereitet haben. Der Arbeitsbereich ist vielseitig: Verfahrenstechnik,  Energieoptimierung und rechtliche Vorgaben sind nur ein Teil der Aufgaben. Wir entwickeln Prozesse kontinuierlich weiter, um effizienter zu ­arbeiten und unser wichtigstes Lebensmittel zu schützen. Das ist für mich ein großer Ansporn.

Welche aktuellen Entwicklungen setzen die Wasser­wirtschaft besonders unter Druck?

Der Strukturwandelprozess in unserem Land einerseits und Klimaveränderungen sowie neue gesetzliche Bestimmungen zur Sicherung des Umweltschutzes andererseits stellen die Wasserwirtschaft aus meiner Sicht vor fünf große Herausforderungen. Erstens müssen Schadstoffeinträge im Abwasser reduziert werden. Sie entstehen insbesondere durch ­höhere ­Medikamentenabgabe infolge der älter werdenden Bevölkerung, durch intensivere Bodenbewirtschaftung mit entsprechender Düngung sowie durch weitere Spurenstoffe und müssen mithilfe innovativer Verfahren und Technologien wirkungsvoll verringert werden. Nur so können wir die hohe Trinkwasserqualität sicherstellen. Zweitens: Wasserwirtschaftsprozesse sind energieintensiv. Die Energieeffizienz  wasserwirtschaftlicher  Anlagen muss unter Wahrung eines umweltökonomischen Ansatzes weiter optimiert werden, um zu erreichen, dass Energie- und Kosteneinsparungen miteinander verbunden werden. Drittens: Durch ein zielgerichtetes Niederschlagswassermanagement und eine wassersensible Stadt­entwicklung ist zu erreichen, dass eine ­signifikante Reduzierung der Einleitung des Niederschlagswassers in das Kanalnetz gesichert wird. Zwischengespeichertes Niederschlagswasser soll für die Stadtbegrünung und die Klimaverbesserung genutzt werden. Viertens sind wirkungsvolle technische und ­finanzielle Konzepte für den Erhalt und die Entwicklung unseres sehr wertintensiven Anlagevermögens zu erarbeiten. Und zuletzt stehen wir auch bei der Trinkwasserversorgung vor einem grundlegenden Umbruch, um die Bereitstellung vom Wasser den künftigen industriellen und gewerblichen Anforderungen sowie den in den letzten Jahren drastisch zugenommenen Spitzenlasten anzupassen.

„Die Wasserwirtschaft verändert sich ständig. Wenn wir innovative Lösungen entwickeln wollen, müssen wir uns über unsere Branche hinaus austauschen.”

Jörg Schulze
Hierzu müssen wir zurückblicken…

Nach 1990 führte der Wegzug vieler Menschen aus der ehemaligen DDR – verstärkt durch den Rückgang der Industrie – zu sinkendem Trinkwasserverbrauch, sodass Leitungen verkleinert werden mussten. Im Zeitraum 2012 bis 2022 haben wir einen Anstieg des Trinkwasserverbrauchs, insbesondere aus Industrie- und Gewerbeentwicklungen, um 9 Mio. Kubikmeter bei Reduzierung der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt um 50.000 Einwohner zu verzeichnen. Der Transformations- und Strukturwandel mit neuen, über viele Landkreise verteilten Gewerbegebieten und zusätzlichem Bedarf an neuen Standorten ist dabei noch nicht berücksichtigt. Da die Wasserwirtschaft langfristig plant, braucht es hierfür eine strategische Versorgungskonzeption und einen vernetzten Ansatz aller Beteiligten, die an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe mitwirken. Aus diesem Grund wurde 2023 das Kompetenzzentrum Wasserwirtschaft gegründet.

„Wir brauchen neue Konzepte, um den Trinkwasserbedarf heute und morgen zu sichern.“

Jörg Schulze
Welche Bedeutung hat das im Dezember 2025 vorgestellte Wasserversorgungskonzept?

Das Konzept für Sachsen-Anhalt wurde mit Unterstützung der zuständigen Landes­institutionen erarbeitet. Sämtliche Daten, die zur Beurteilung der Wasserversorgung dienen, wurden einbezogen. Um das Konzept praxisnah zu gestalten, wurden die vom Kompetenzzentrum erstellten Daten mit den 18 größten Wasserversorgungsunternehmen von Sachsen-Anhalt, die 93 % der Gesamtwasserversorgung repräsentieren, abgestimmt. Auf der Grundlage von Daten des Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW) und in Abstimmung mit den Wasserversorgungsunternehmen wurden nicht nur die Kapazitäten, sondern auch die Dargebote ermittelt. Statistisch wurden die Bedarfe, insbesondere aus industrieller und gewerblicher Entwicklung, für die nächsten 10 bis 20 Jahre bestimmt. Aus der Gegenüberstellung von Dargebot, Kapazität und Bedarf wurden 17 Maßnahmen der Entwicklung wasserwirtschaftlicher Infrastruktur vorgeschlagen. Um den Wasserbedarf von Sachsen-Anhalt, der in den kommenden Jahren erheblich steigen wird, sicherzustellen, stellt das Land ca. 116 Mio. Euro Förderung bereit. Spitzen- und Grundlastkapazitäten sowie Speicher müssen erweitert oder neu gebaut werden.

Wie werden Wasser- und Abwasserverbände im ländlichen Raum in das Konzept mit eingebunden?

Damit kommen wir zum zweiten Schritt des Konzepts, an dem wir gerade arbeiten: die Verteilungsnetze. Natürlich gibt es auch eigenständige, regional arbeitende Wasserversorger, aber etwa 75 Prozent der Versorgung in Sachsen-Anhalt laufen über Fernwassernetze. Die Verbände übernehmen die lokale Verteilung. Aktuell prüfen wir gemeinsam mit ihnen, wie die Netze zukünftig dimensioniert werden müssen. Ich lade alle kommunalen Versorger ein, sich gerne an uns zu wenden und in unserem Netzwerk mitzuwirken – ein Netzwerk lebt vom Austausch. Gerade kleinere Zweckverbände können bei schwierigen Fragestellungen von unserer Zusammenarbeit mit Hochschulen, Universitäten und Ingenieurbüros profitieren. Je mehr Input wir erhalten, desto praxisnäher und wirksamer können unsere Konzepte sein. Denn unser Ziel ist klar: Wir dienen der Wasserwirtschaft, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln und umzusetzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Steckbrief Jörg Schulze

Jörg Schulze, 1957 in Halle geboren, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er studierte Betriebswirtschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Über 10 Jahre war er Geschäftsführer der Halleschen Wasser und Stadtwirtschaft GmbH, bevor er 2022 in den Ruhestand ging. Im selben Jahr wurde er Botschafter der Umweltallianz Sachsen-Anhalt. Seit 2023 arbeitet er bei der Stadtwerke Halle GmbH, leitet das Kompetenzzentrum Wasserwirtschaft und engagiert sich in mehreren Umwelt- und Kreislaufwirtschaftsgremien.

Foto: Markus Scholz